TRAUMZEIT II 

 

von Thomas Wolf (ca. 1981)

 

 

 

Leben ist ein Traum

In der Unendlichkeit,

MEIN Traum!

Leben ist eine Wahrheit

Unter ungezählten Wahrheiten.

 

Der Klang von Musik

Aus der Ferne,

Die untergehende Sonne,

Glutrot am Horizont,

Weisen mir den Weg:

Ich will ihm folgen.

 

 

 

I. WINZIGKLEIN

 

 

Die Gasse war schmal und schlecht gepflastert und schlängelte sich an langen Häuserreihen vorbei den Hügel hinauf, auf dessen Anhöhe sich der sonnenüberflutete Bau einer alten Kirche befand.

Sein hölzerner Karren mit den vielen Blumen darin ächzte und rumpelte auf dem Weg nach oben.

Seltsame Stille lag über der Stadt, selbst die Vögel schienen aus den Bäumen und Hecken der Gärten verschwunden zu sein, als hätten sie niemals dort zwischen grünen Blättern und Zweigen gesessen und ihren fröhlichen Gesang verbreitet

Bald schon erreichte er das mächtige Portal des Gotteshauses und schaute zurück auf die schmale Gasse und die Häuser der Stadt, die im grellen Licht des Mittags in unwirklichem Glanz verharrten.

Quietschend protestierte der Einlass, als er ihn schwerfällig aufschob.

Er erinnerte sich an eine Zeit, als er an dieser Stelle stets von dem schwarz gekleideten Herrn freundlich begrüßt worden war.

Es war eine schöne Zeit gewesen, dachte er bei sich. Nun aber war er lange schon allein.

Er betrat die Kirche, den hölzernen Karren mit den vielen bunten Blumen darin eifrig hinter sich herziehend.

Das helle Sonnenlicht drang mühelos durch die schlanken Fenster mit ihren bunten Glasmosaiken. Dadurch entstanden schöne Lichteffekte an den steinernen Wänden und den Heiligtümern des Gotteshauses.

Es gab hier niemanden mehr, der für Ordnung sorgte, nur ihn gab es noch.

Verstohlen blickte er um sich, auf die fremden und reglosen Bilder und Statuen, die ihm immer etwas lebendig zu sein schienen.

Lange stand er mit offenem Munde dort und schmeckte schließlich eine einzelne Träne salzig auf seiner Zunge zergehen, bis ihn ein lautloser Windhauch in die Wirklichkeit zurückholte.

Er schritt durch den breiten Mittelgang auf den Altarraum zu und näherte sich dem großen Kreuz, das schwindelerregend von der Decke herabhing und von dem ihm das leidvolle Gesicht des Erlösers Christus entgegenblickte.

Er stellte die Blumen in eine dafür vorgesehene Vase und goß Wasser hinein, welches er in einem alten Topf bei sich führte. Schließlich kniete er in der ersten Bankreihe nieder.

Dann sprach er ein kurzes Gebet, das ihn der alte Herr gelehrt hatte.

 

 

Sein hölzerner Karren mit den vielen welken Blumen darin ächzte und rumpelte, als er durch den breiten Mittelgang zurückschritt, dem mächtigen Portal entgegen.

Da sah er draußen auf dem Vorplatz die ganz in schwarz gekleidete Gestalt, die ihm langsam entgegenkam:
„Komm, Winzigklein!“, rief der freundliche alte Herr und streckte beide Hände aus.

Winzigklein war fassungslos.

Noch wußte er nichts von der unglaublichen Odyssee, die ihm bevorstand.

 

 

 

II. ERNIE

 

 

Stell dir mal vor

Du wärst ein Gedanke

Nur eine Illusion

Irgendwo

Verloren im All

Wie ein Irrlicht

In einem unermeßlichen Ozean

 

Vor deinen Augen

Liefe ein endloser Film ab

 

Der Zuckerhimmel immerblau

Die festgenagelte Sonne im Zenit

Senkte sich tief in dich

 

Stell dir mal vor

Du schwebtest hoch über den Wolken

Lichtgebadet

Umgeben vom gleißenden Sternenschein

Warmer Regen käme von nirgendwo

Und fiel auf dich herab

Ohne je ans Ziel zu kommen

Wärst du frei, frei

 

Stell dir das vor-

Ich weiß nicht, ob du's kannst!

 

 

 

III. ICH

 


Erinnerst du dich noch?

Da war diese Mauer...

Weißt du noch, wer du bist?

So oft ist da 'ne Mauer

Auf jeder stehen irgendwelche Parolen

Mag sie auch nur aus Luft sein,

Die Mauer!

 

Abend

Ich laufe durch die große Stadt

Und die Sonne spiegelt sich

In den tausend Fenstern der Wohnblocks

Auf den blanken Maschinen der Fabriken

Aus Menschenhand

Der Sommerhimmel ist noch blau

Der Asphalt warm

Und die vielen bunten Neonreklamen

Machen mich glücklich

 

Es gibt keine Mauern

            Im Land hinter Nirgendwo

 

Ernie kommt mir wieder und wieder in den Sinn

Und all die Geschichten

Ich sehe seine schmale Gestalt

Lässig an den Flipper gelehnt

Mir milde zulächelnd

Die Zigarrettenkippe achtlos zu Boden werfend

 

Er stand mir gegenüber an jenem Abend

Und wir gingen auf den Hügel, zu den leerstehenden Hochhäusern

Und wir stiegen ganz nach oben

Und sahen die Lichterkolonnen der Stadt unter uns-

Battailions of strangers

Wir waren die letzten in der großen Stadt

Die die glutrote Scheibe der Sonne am Horizont untergehen sahen

Und nur von Zeit zu Zeit klangen Geräusche zu uns herüber

Als wir hinausschauten in die Sternenwelt

 

Damals erzählte Ernie zum ersten Mal

Vom Land hinter Nirgendwo

 

 

 

IV. DAS MÄDCHEN

 

 

Das Mädchen mit den traurigen Augen sitzt in seinem großen Zimmer, umgeben von Puppen, Stofftieren und so viel anderem Spielzeug.

Draußen dämmert es bereits und das Mädchen streicht gedankenverloren mit seinen Fingern über den flauschigen Teppichboden und betrachtet die vielen lustigen Bilder an den Wänden.

Der Hausdiener kommt und bringt das Abendessen, zusammen mit einem großen, bunten Buch.

Dann schließt er sorgfältig die Tür hinter sich ab.

 

 

 

V: ERNIE

 

 

Du schaust auf die Uhr

Im Land hinter Nirgendwo

 

Der Zug ins Nichts ist längst abgefahren

Doch du sitzt auf 'ner Wolke

Und wartest auf den nächsten

 

Unten laufen die Leute

Und gaffen blöde hoch

Es sind immer dieselben blöden Gaffer

Die da hochgaffen

Die wollen Blut sehen

Die fettesten Schlagzeilen

Sind ihnen gerade gut genug

Doch du siehst nicht mehr hinab

Der Himmel ist blau und es ist warm und hell

und du vergißt sie schnell

Die Gaffer

 

Irgendwann ist da wieder die Uhr

Die nichts anzeigen kann

Du weißt, daß sie nicht mehr geht

Daß es nicht um sie geht

Schon jahrelang ist das so

Und du weißt das

 

Der Zug ins Nichts ist längst abgefahren

Doch du sitzt auf 'ner Wolke

Und wartest auf den nächsten

 

 

 

VI. ICH

 

 

Ich sehe

graue Abbruchhäuserwandspruchbänder, Schrebergartengeruch aus der Ferne: Keiner weiß, wohin, tausend Wege und kein Ziel, immer suchen, niemals finden, dann und wann ein paar verschwinden, rätselhaft und unbedeutend, am besten ist noch Unschuld heucheln, auf die Schnauze fällst du sowieso, willst du leben mußt du tun was alle tun, Thunfisch essen, Cola saufen, tu nicht trotzen sonst geht das große Kotzen wieder los! BAUZ! Heile-Welt-Schnulzen-Kofferradio plärrt mich ungeniert, ungefragt, an. Schornsteinschlünde speien grau und grau. Schwefelgeschmack, auf der Zunge zergehend...


Ich sehe

Die Straßen der Stadt, die Wohnblocks, die spielenden Kinder zwischen Betonträumen, den alten Mann am Fenster im vierten Stock, den Abfall überall, die Hinterhof-Klischees, qualmend-graue Schlote, Zentrum der Zivilisation, Grauzone, die Robotermenschen zur Arbeit hetzen, Tag um Tag, einen Baum, der kaum noch Blätter hat, Heile-Welt-Plakate-bunt-und-schön, Graffiti, Grauschleier, Baustellen, Tag um Tag

 

Ich sehe

Ein Vermummter, schleicht lautlos, schmiert in blutigem Rot Phrasen ins ewige Grau, sprüht noch mit Farben ein Gebilde an die Wand, sieht ganz hübsch aus, sah mal so ein Blimenbild in einem alten Buch...

Doch die Schwarzen sind überall, sehen alles.

Plötzlich sind sie da, nehmen den Vermummten mit, machen ihn kaputt, denke ich.

Vermummter brüllt noch was von 'Freiheit, Blumen' , wird dann in den schwarzen Wagen gezerrt.

 

Oben ruft einer runter, man solle doch mit dem Lärm aufhören.

Ich bin müde. Gehe nach Hause.

 

 

 

VII. WINZIGKLEIN

 

 

Vor der Treppe, die sich monoton, still, stetig den himmlischen Weiten entgegenschwang, stand Winzigklein, ganz allein, ganz unten und staunte nur.

Somit begann alles und er betrat die erste Stufe.


Winzigklein, der Mensch, schwebte hinaus in die kosmische Weite und träumte seinen Traum. Irgendwann war da kein Halt mehr vor ihm und er stand am Rande des Alls und schaute hinab auf die immerwährend kreisenden Galaxien die sich vor ihm auftaten, wie ein Sternenweltenbilderbuch.

 

Er staunte und staunte, während er mehr und mehr Stufen erklomm, auf der weiter und weiter ansteigenden Treppe, und Sonnen, die wie Augen um ihn leuchteten, waren seine Begleiter, und die Sehnsucht, die ihn trieb.

 

 

 

VIII. ERNIE

 

 

Wünsch dir was

Wenn die Welt dich haßt

Wenn du traurig bist

Wünsch dir was

Wenn die Alltagslast

Dich zu killen scheint

 

Das Land, wo der Pfeffer wächst

Liegt noch hinterm Land der Dämmerung

Du mußt zur Brücke gehen

Obwohl die Schaukelpferdmenschen

Sich halbtot grinsen

Dort blühen unglaublich hoch

Die Plastikblümchen

Und Kunststoffmännchen

Und bunten Humptydumtys

Und der schneidige Bulle

An der Straßenkreuzung

Kann einem wirklich leid tun

relax

relax

relax

Bei Nichtgefallen Geld zurück

Das waren noch Zeiten!

 

 

 

IX. ICH

 

 

„Der große Klau hat längst begonnen“, sagt Ernie,„Die klauen alles, was sie in die Finger kriegen, am Schluß bist du selbst dran! Im Land hinter Nirgendwo haben sie noch Keinem das Gehirn geklaut!“

 

Einer schiebt sich langsam zu uns rüber, habe ihn nicht kommen sehen, wiederholt sabbernd: „Gehirn geklaut, Gehirn geklaut...“

 

Ich gähne gelangweilt.

Die Story ist alt und hat schon lange an Grausamkeit verloren.

Man schlägt die Zeitung auf und zu- was soll's?

 

Idiotisch alles, denke ich.

Ernie guckt ein Loch in die Luft.

Ich pfeif’n lautloses Lied vor mich hin.

 

 

 

X. DAS MÄDCHEN

 

 

Das Mädchen mit den traurigen Augen liegt reglos in seinem Bettchen und schaut in die Dunkelheit.

Am anderen Morgen wird der Hauslehrer kommen und es unterrichten.

Er wird die Tür sorgfältig wieder hinter sich verschließen, nachher, wenn er gehen wird.

 

 

 

XI. WINZIGKLEIN

 

 

Er näherte sich einem kleinen Gesteinsbrocken, der scheinbar ziellos durchs Universum trieb. Da war kein Zeichen von Leben auf dieser atmosphärelosen Welt, aber er wußte, daß es ihn nicht umsonst dorthin verschlagen haben konnte.

 

Winzigklein ließ sich neben dem einsamen Kreuz im Fels nieder und sah hinaus zu den Sterneninseln des Alls, und er fragte im Stillen nach Herkunft und Bestimmung all dieser schweigenden kosmischen Pracht.

Tief in Gedanken versunken, bemerkte er zunächst nicht die Ankunft Dessen, dem er hier begegnen sollte.

Als Winzigklein das seltsam anzuschauende Wesen sah, das sich neben ihn gehockt hatte und ihm freundlich etliche Extremitäten entgegenstreckte, erschrak er zunächst. Doch dann wurde ihm klar, daß dieser „Jemand“ der Grund seiner Reise sein mußte.

Tatsächlich vernahm Winzigklein die Gedankenimpulse des Ankömmlings, die sich vor Freude fast überschlugen.

Die Kontaktaufnahme hatte begonnen.

 

 

 

XII. ERNIE

 

 

Am Anfang der Zeit

Am Ende der Zeit

Im See der Zeit sind wir gefangen

 

 

 

XIII. ICH

 


Die alte Fabrik:

Seit ich denken kann, stand sie dort

Als Kinder spielten wir immer

Irgendwo am mächtigen Gebäude

In verlorenen Ecken und Büschen

Zwischen Stahl und Beton

 

Der schlanke Schornstein

Sticht in den Himmel

Als Symbol früherer Tage

Licht und Schatten

Viele Erinnerungen werden wach

 

Ein bunter Reigen tobt sich die Straße hinab

Hier und da mahnende zerfurchte Gesichter

Steinern starrend in fröhlich blinkende Kinderaugen

Der gutmütige alte Mann

Mit der Pfeife im Mund

Und den riesenhaften, runzeligen Händen

Der große Platz am Sonntag

Und nur der Wind weht einige Fetzen Papier umher

Die schlank gebogenen Pappeln im Wind

Das Laub der Bäume

An einem kaum mehr faßbaren Spätsommerabend

Das war früher

 

Die alte Fabrik wird abgerissen

Man zerstört viel schneller, als man aufbaut

Bewußt wird es fast keinem

Ich merke

Auch ein Teil von mir gerät in Vergessenheit

Doch  ich kann nichts tun

 

 

 

XIV. ICH

 


Die Schattenleute waren nicht von hier

Sie standen unter dem morschen Baum

Der seine kahlen Äste sterbend gen Himmel richtete

Am anderen Ende der Straße

Oft sah ich sie dort schweigen

Von meinem kleinen Fenster aus

Einmal wollte ich sogar hingehen

Weiß nicht mehr warum

Als sie dann fort waren

Bin ich doch hingegangen

Sah ihre Spuren

Die in die Wüste führten

Der Abendsonne entgegen

 

Unter dem mächtigen Stamm

Blühte eine schwarze Rose

Die ich alsbald mit beiden Füßen zerdrückte

 

 

 

XV. DAS MÄDCHEN

 

 

Das Mädchen mit den traurigen Augen ist krank.

Der Hausdoktor besucht es und verschreibt eine Medizin.

Sorgfältig verschließt er die Tür, als er wieder geht.

 

 

 

XVI. WINZIGKLEIN

 

 

„Du“, sagte der Jemand und ergriff mit zwei seiner tentakelartigen Gliedmaßen sanft die Hände Winzigkleins, „DU warst der letzte Mensch, der die Erde verlassen mußte. Du wirst all den anderen folgen, die schon vorausgegangen sind, in die TRAUMZEIT.“

Winzigklein schwieg und betrachtete sein Gegenüber nachdenklich.

 

Bald schon hieß es Abschied nehmen.

Der Jemand hatte sich als ein wahrer Freund erwiesen.

Winzigklein wußte nun, daß er nicht allein sein würde, auf seinem langen und beschwerlichen Weg in die TRAUMZEIT.

Bald schon war da niemand mehr, auf dem einsamen Gesteinsbrocken, der unbeirrt seine Bahn durch den Kosmos zog, in dem alles Leben in einer unvorstellbaren Einheit verknüpft war, wie in einem gigantischen Netzwerk.

 

 

 

XVII. ERNIE

 

 

Türen schlagen

Und der Regenbogen wartet

 

Am Ende der Nacht

Klingt die einsame Stimme des Suchenden durch Zeit und Raum

Mein Traum schwelgt in der Vergangenheit

Zu den Wanderern, die gegen den Sturm bis zum Ende gingen

 

Die Musik verliert sich an so einem Tag

Leute sind komisch

Und all die Kinder im warmen Sommerregen

Draußen am Rande der Stadt

Warten auf ihre Erweckung

Auf die Stimmen junger Propheten

 

Reit auf der Schlange, Junge

Reite nach Westen, Westen

 

Wo bringst du uns hin, Fremder?

 

 

Treffen uns an der Küste, Mädchen

Morgen schon

 

Wo bringst du uns hin Fremder?

 

Türen schlagen

Das ist ein Gesicht im Spiegel

Und die Landschaft hinterm Fenster

Die merkwürdig verschwommen schaut

Der lange, lange Schlaf, in den ich falle

Und die Träume, im Land hinter Nirgendwo

 

 

 

XVIII. ICH

 

 

Das Land der großen Freiheit

Liegt hinter der Mauer aus Blut und Haß

Die uns von unseren Freunden trennt

In uns brennt das Feuer des Lebens

Doch sie ertränken es

Ertränken uns

 

Ich erhebe den Blick

Über mir formt der Stacheldraht seltsame Gebilde

Ich sehe zwei hohle Augen

Einen Mund mit stählernen Zähnen

Der mich höhnisch anzugrinsen scheint

 

Das Land der großen Freiheit

Liegt hinter der Mauer aus Blut und Haß

Die uns von unseren Freunden trennt

Werde ich es je erreichen?

 

 

 

IXX. DAS MÄDCHEN

 

 

Das Mädchen mit den traurigen Augen ist tot.

Ein langer Trauerzug bewegt sich seiner letzten Ruhestätte entgegen, an der Spitze das Kreuz und der Sarg mit den goldenen Initialen.

Auf dem Friedhof reicht der Platz nicht aus, für all die Blumen und Kränze.

 

 

 

XX. ERNIE

 

 

Die Freunde sind versammelt

Und das Vogelmädchen oben am Fenster

Fliegt noch nicht herab

 

Die einsamen Sucher

Laufen raus auf die Highways

Sterne funkeln nachts

 

Der weiße Adler des Nordens

Sträubt sein Gefieder

Auf den Felsen im Wind

Seine Augen klar wie ein Gebirgsbach

So majestätisch fliegt er einher

Und umspannt die Welt weit unter sich

Mit mächtigen Flügelschlag

 

An der Schwelle des Traumes

Der so unfaßbar und doch so nah ist

Steht er

Stehen wir alle

 

Und da ist der fantastische Sommer

Der nie mehr wiederkehrende, unvergleichliche

Und wir sind der Traum

Der Traum ist in uns

Und ich bin du denn du bist ich

Und vielleicht

Wird es niemals wieder so sein

Mit all den Träumen

Und mit uns zweien

 

 

 

XXI. WINZIGKLEIN

 

 

Winzigklein stand in der Arena des Lebens, ganz unten, ganz allein, in der Mitte auf der Bühne, die ein einziger Spiegel war und seltsame Schatten reflektierte, die wie dunkle Wolken umherschwebten und ihm Furcht bereiteten.

Winzigklein blinzelte ehrfürchtig auf, als von überallher Licht auf ihn einfiel und ihn zu verzaubern schien.

„Du bist Winzigklein“, hauchte eine Stimme durch das große weite Rund, oder war es nur der Wind, der sanft über die uralten steinernen Ränge und Türme strich?

„Du bist Winzigklein!“

Und plötzlich war es Winzigklein, als könne er all die Wesen sehen, die vor Zeiten einst dort auf den Rängen gejubelt, geschrien und geweint haben mochten, und er sah ihre bunten Gewänder, hörte ihre Stimmen, blickte in ihre Gesichter.

Doch schon bald verschwanden sie wieder, gingen verloren wie Trugbilder aus Raum und Zeit.

Die Arena des Lebens war abermals leer und kalt und steinern und Winzigklein stand traurig auf der seltsam schimmernden Fläche und bewegte sich nicht.

„Du bist Winzigklein“, raunte es ein letztes Mal.

Doch da war Winzigklein lange schon fort.

 

ENDE