REISEBILDER UND GEDICHTE

 

1984-2000

 

Von Thomas Wolf

 

 

 

 

 

INHALT:

 

Am Bahnsteig

Reisende

Gleisgeflüster unter uns

Gleisgeflüster

Andalusischer Traum

Zu Fuß in Italia

Im Pinienwald

Am Ätna

Castelgandolfo

Sizilien

Syrakus

Rom

Reggio di Calabria

Der Sizilianer

In kalifornischen Wehen

New York

Fensterlos bei Nacht

Greyhound

Buskathedralen, Cleveland

Acht Stunden Chicago

Jackrabbit

Schlaflos von New York nach Rapid City

Mount Rushmore

South Dakota

Black Hills Schamane

Yellowstone-Park

West Yellowstone

Salt Lake City

Von Utah nach Yosemite

Tuloumne Meadows

Car shooting

San Francisco

La Habra

Von New York nach L.A.

Jennifer suchen

The Wedge

Las Vegas

Grand Canyone

St. Louis

Amarillo

Nachtstop

West Virginia

White House

Am Fjord

Fjordfelsen

Lofoten

Skibotn

Felsen

Abend am Fjord

Nordland

Honningsvaq

Ulvsvag Abend

Am ionischen Meer

Tarent

Avignon

Brügges Gassen

Brügges Gassen (Sinnierung)

 

 

 

 

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am bahnsteig

 

im morgengrauen

wo sich alles ähnelt

im fernen ruf

erbleichender nacht

 

zugpfeifen künden

bahnsteig-einsamkeit

und augenblicke

irrenden verharrens

 

die entscheidungen

nehmen ihren lauf

wer zögert noch

wer bricht als erster auf?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

reisende

 

verstehst du

die bunten reiseschlangen

der bahnhöfe?

 

siehst du

die fahrenden züge

und zurückbleibende?

 

wir kommen immer

von einem langen weg

wir fangen feuer und

erliegen schäbigen sicherungen

bis man uns

dies spielzeug klaut

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

gleisgeflüster unter uns

 

der marokkaner

kaut magische kekse

eddies sitar summt

jungfräuliche milchstraßen

knorrige landbauern

und schafhirten

beim lagerfeuer

fernab dieses jahrhunderts

 

nächtliche laute

im wald bobadillas

 

ahnengeister schlafen

in der schlucht

und wissen

 

bahnhofslichter und-

vorbei

wir bleiben

überall zurück!

 

und gleisgeflüster unter uns...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

gleisgeflüster

 

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t-dmmm-t-dmmm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

andalusischer traum

 

wehendes haar

wehmütiges jahr

 

zugfensterland

glut in uns fand

 

stob sie entzwei

fing feuer dabei

 

maurisches märchenschloß

in unsere herzen floß

 

schwarze zigeunerin

las unserer hände sinn

 

mond schien zu reiten

auf sonnenblumenweiten

 

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zu fuss in italia

 

der tankwart sagt

„ein kilometer“

wir stapfen ins sonnenrot

der mann im vorgarten

„zwei bis drei“

wir spulen neonstraßen ab

der polizist meint

„vier bis zum pinienwald“

nun ist es nacht

und wir marschieren immer noch

wie all die anderen

rucksacksoldaten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

im pinienwald

 

mitternacht in unserem zelt

im pinienwald

geht die welt unter

helles flutlicht

vom leeren basketballfeld

blitzeinschläge auf dem ozean

regen übergießt das lager

und spült die feuerstelle fort

hungrige korbjäger

warten in den wäldern

 

am morgen ist

der wald der pinien

verschwunden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

am ätna

 

zafferana prozessionen

beschwören den

feuergott

bauern säen

und ernten wie gewohnt

man leitet straßen um

menschenkonstruktionen

ameisenvolk am berg

orangenhonig

wie lava im glas

beim geborstene kirchenschiff

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

castelgandolfo

 

razzia in den

albaner Bergen

autoliebe

unter der parkplatzleuchte

wir schlafen frei

im schwarzen bahnhofspark

weil nonnen und patres

uns versetzten

weil der papst

im goldenen käfig pfeift

in der bergfestung

mit gehissten flaggen

hinter gußeisernen türen

und betonmauern

 

reißhunde und

marienschreine

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

sizilien

 

siziliens regenauge

sommerschwüles messinabrot

zinnengekrönte felsenstadt

cefalù

 

im einsamen wärterhaus

wartet ein mann

vor der grünen küste &

wir glauben dem sonnengebräunten nicht

 

die alten venezianer

tollen noch in der vergangenheit

und laden uns ein

 

der einarmige

steht mitternachts auf

um uns bier zu holen

wir bewundern ihn

seine tür ist immer offen

für all die kinder

seine einzigen lebenskinder

auf diesem platz

die ihn am morgen

schon vergessen haben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

syrakus

 

babylonische gärten

sitzen unter ölbaumen

motten werben um nackte glühbirnen

mystische umkreisungen

 

ein opa spielt feuerhagel

vor der kirche

er erklärt uns den krieg

und seine deutschen kameraden

frühstückstheater

 

wir wandern

zum ohr des dionysos

im tropenpark

lauscht die vergangenheit

höhlen beim amphitheater

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

rom

 

die römische busmafia

knöpft uns 10000 ab

cheap-pension marokkaner

und bagaglio-bombendrohungen

so ist

stazione termini

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

reggio di calabria

 

sie verladen eine ganze eisenbahn

alle waggons in die fähren

der nächtlichen meerenge

 

messina & die madonna

heiligenschein in der hafeneinfahrt

punktübersäter horizont

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

der sizilianer

 

wir lachten,  hoch

über den buchten

als feuerrot

ein heißer strom

über den schluchten

sah uns erstarrren

noch vor ihm

 

wir lauschten, hoch

von unseren leben

hierhergekommen

zu erbeben

und hinzutauchen

vor dem ziel

wir wagten viel

 

wir saßen, hoch

felshangbesessen

vor unseren zelten

wir teilten welten

wort und wein

der abenddrache

spie dort oben

 

und morgens, hoch

über dem lande

lag schwarzer regen

rief die nacht

wir schauderten

der berg erscholl:

„habt acht!“

 

---

 

 

 

 

 

 

 

 

in kalifornischen wehen

 

unter den southern-pacific

eisenbahnbrückennächten

erträumen angstvoll

anstößige amerikaner

ihr wahres indianerland

und wachen bei

morgendlichen feuerstellen

und wären sie auch blind

begriffen sie doch

das gegenwartsgetöse

und phantasierten freiheitsrituale

und tanzten

unter dem uralten mond

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

new-york

 

empire-state erdgeschoß

king-kong hinter glas

 

subway-süchtige

„take the e-train“

 

am airport

amerika hinter

der weißen linie

 

der customs-officer

“enjoy yourselves”

 

bowery-morgen

kniefälle vor dem herrn

zerlumpte propheten &

amerikanische nacktheit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

fensterlos bei nacht

 

 

wir alle

sind fensterlos bei nacht

 

amerikanische wagen

mit versenkbaren scheibenwischern

 

amerikanische wagen

mit undurchsichtigem glas

 

amerikanische wagen

mit unbekanntem ziel

 

gelbe, schwarze

wimmelwagen

 

wagen auf dem weg

wir wagen den weg

 

nach westen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

greyhound

 

nachtbus, nachtbus

erreichst ein anderes ziel

versprichst so viel

und trägst uns

mit der leinwand fort

 

da sind tränen im gesicht

der versetzten freiheitsstatue

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

buskathedralen, cleveland

 

kahle, kaltgeflieste analogien

24-hour-hot-dog-hosenboden

mit neon und kakaotheke

 

ich sitze drauf, nehme es hin

und schmatze

die automatenreihen entlang

 

handschütteln, schmutzige

jeans-archetypen

ein mathematikmessias

in tv-stuhl hungersnöten

 

um drei uhr morgens

in cleveland, ohio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

acht stunden chicago

 

schwarze kinder

in schließfächern

die schweißoasen

baugenialität

fremde anzuggänger

bus-stop ruinen

und schemenhaftigkeit

 

was ahnt

der graue morgen?

 

was ahnen

fensterputzer in chicago?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

jackrabbit

 

 

fahr, jackrabbit, fahr!

zu den felsköpfen

der schwarzen berge

 

fahr, jackrabbit, fahr!

zu fremden freunden

auf den südlichen straßen

 

was wir brauchen

finden wir

weil es uns finden will!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

schlaflos von new york nach rapid city

 

badlands

highway plakatwandwahn

south dakota wall drug

ein menschengedenkensommer

fahrenheit 100

nach vier tagen des ächzenden

atemlosen kerouac-kontinents

nach eistee, jelly-peanut bread

und ernest borgnine-gesichtern

 

oklahoma familienväter

(die extra wegen des

cheyenne-rodeos hier sind

und noch nie die

niagarafälle besuchten)

predigen den endlosen abend lang

 

„you look tired“

ein eingeborenes lächeln

rucksackritterlohn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

south dakota

 

berry-patch nacht

nächtliche campground silhouetten

mit interstate und flugzeuglärm

schrille apokalyptische zugpfeifen

künden den amerikanischen morgen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

mount rushmore

 

tipis vom chevi-verdeck

george washingtons profil

doch viele sehen nicht

die rückseite des mondes

häuptling sitting bull

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

black hills schamane

 

seelen atmen schwer

wandeln ruhelos umher

wenn in der vollmondnacht

indianerdonner kracht

wenn das fieber steigt

die welt sich ändert

und hellumrändert

sich die fratze

niederneigt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

yellowstone park

 

wassersäulen und kaskaden

wintersee heut lieblich weit

büffel wandern wie nomaden

auf der hügelfruchtbarkeit

 

rauch erquillt aus bodenrissen

schluchten stürzen schier herab

bäume ruhn auf salzgen kissen

sturzbach reißt ein stolzes grab

 

blasenspiele, puddingkochen

brodeln, zischen spricht uralt

schwefelwasser über knochen

sinfonie der tiefe schallt

 

der „alte treue“ tut sein werk

er zeigt sich stolz und unerreicht

der mensch erscheint ihm wie ein zwerg

der heute kommt und morgen weicht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

west-yellowstone

 

nimand sonst braucht

mottenzerfressene decken

in der rocky mountain nacht

wir lauschen dem regen

countrysound von der holzverschlagbühne

abseits der großen straßen

niemand sonst

braucht straßenlicht

in west-yellowstone

niemand sonst

weiß wie dunkel es hier ist

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

salt lake city

 

ich traf die hüterin

des spitztürmigen mormonentempels

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von utah nach yosemite 

 

der menschenfischer

ist jung und stark

wir sahen sein gesicht

in seiner hand

die gebirgsangel

 

wir erreichten

die berge idahos

ödes reservat

schrulliger indianer

der dollarnoten herbeilügt

einarmiger bettler

beim großen salzsee

und graffitis 

 

„trust jesus!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

tuloumne meadows

 

hitchhiker geröllwüsten

bizarre wasserfallsucher

die kreidefelskletterer

eisbachbaden

lagerfeuer beim food-storage

zerkratzte baumstämme

wir ergreifen

die bärentatzenflucht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

car shooting

 

 

car-shooting

auf den freeways

barbarisches uhrwerk

die windradfelder

vor san francisco

nebelabende unseres lebens

tramticket-pavillions

plastiktütenplunder

und buchläden

be-bop-saxophonisten

nach jack duluoz fragen

epileptische city-hobos

desinfizierte burger-inns

 

windhauch, das buch kohelet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

san francisco

 

es ist abend

und ein glatzköpfiger

neger mit goldpokal

lacht bei der frage

 

die golden gate bridge

ist zu weit

und unsere Sohlen

kleben auf der straße

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

la habra

 

zerbeulte mülleimer

wie all die stolzen mülleimer amerikas

gibb frißt salamibrote aus der hand

seine augen leuchten

bei den nächtlichen barbeques

und whirlpool-parties

tausendmeilen-schuhe

trocknen stinkend auf der mauer

unter zitronenbäumen: die stadt

schlaf!

in brigittas luftballonzimmer

und sie immer fort

mit freunden

die eltern, alle fort

nur wir sind da

und der kühlschrank

tacos, chicken, bud, unmengen eis...

wie all die stolzen kühlschränke amerika

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von new york nach l.a.

 

baggage betrug

auf der 42. straße

heimatklau &
amerikanische nacktheit

doch der mutige rucksack

folgt uns nach

archaisch, apfelsinenfarbig

erreichen wir den pazifik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

jennifer suchen

 

tausend maste newport

tv-betrieb in leeren appartements

das mädchen ist verschwunden &

wir laufen barfüßige palmalleen

 

vom strand aus kann niemand

ins meer pinkeln

vom strand aus kann niemand

das meer sehen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

the wedge

 

the wedge

schmetter kneeboarder

auf den sommerstrand

grüne hawaiianer

blitze im rohr

 

guys schmatzen

chicago-style-pizzas

helikopter &

wiederbelebung

laguna-beach

 

sandkritzeleien

beim seehundfelsen

die hummerfest-zigeuner

im corona-rausch

pazifisches abendgebet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

las vegas

 

lady-luck automatismen

quarters & dimes

in bechern

in eimern

in badewannen

bunte drehscheiben

verkrüppeln die augen

 

die lichtmagneten

vertreiben uns von hier

zu „israels“ wüstensee

 

geht durch das enge tor!

schaffen wir's?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

grand canyon

 

am „hopi-point“

liegt uns die welt zu füßen

so steigen wir

mit hellen engeln hinab

 

abendliche gebetstafel

und die rastlosen

desenzano-italianos

schlaflos, atemlos

den irdischen

paradiessplitter im hirn

unsterblich geblendet

stürzen sie weiter

noch in derselben nacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

st. louis

 

vergessen wir

st. louis lachen

dickbäuchiger buspassagier

der fahrer,die hoteldrehtür

die spiegelstunden-rezeptionsmädchen

nüchtern taumeln wir

zu den gateway-arch pärchen

 

der missisippibogen

spannt uns pfeile zum himmel

wir schiessen in die sternennacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

amarillo

 

„take that hose!“
sagt der busfahrer

und ich lechze nach dem

nächtlichen,  abgestandenen

gummischlauchwasser

es ist gut

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

nachtstop

 

das negermädchen

nimmt oft abschied

„you got someone else

leaving here?“

der fahrer lacht

 

warten und

bierdosen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

west virginia

 

ein dollar für die heilsarmee

den geblendeten die supermarktsonne

hungersnöte in der charleston-mall

mit ältlichen damen im aufzug

in den luxuskarossen warten sie

auf den frühling, auf die weisen

wilden hitchhiker der welt

 

einsame, feuchtheiße wälder

gottverlassener ranger

telefonnacht und wespenstiche

duschhaus-ermitagen

wohin uns orthodoxe plappertanten

mit hübschen töchtern chauffierten

 

und am morgen in der wüste

bauarbeiterlärm

was geht hier vor?

amerika jagt uns

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

white-house

 

die gefangenen

stehen draußen

vor den gittern

sie blicken

entsetzt hinein

 

fernsehreporter

berichten

aus dem großen knast

 

 

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am fjord

 

am fjord klärt sich die welt

du könntest weinen dort

spüre den strom aus altem leid

weit hinter dir in leerer zeit

die wasser glitzern, trösten

verstehst du nicht sie lösten

dir die geheimnisse am fjord

wirst du ihm lauschen

dem steten rauschen

an jenem klaren ort?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

fjordfelsen

 

fjordfelsen

glatt und naß

wie wasser in dem

großen meeresglas

welches sie formt

und sanft umstreicht

so sanft der stein

dem wasser weicht

und folgsam

in ihm weitertreibt

 

der mensch, der bleibt

und sinnt auf mehr

wasser und stein

wie muß auch er

in ihnen sein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

lofoten

 

sunfilter-himmelsblau

jenseits des polarkreises

ein denkwürdiges

gütiges heiligabend

inseln fallen schräg auf uns zu

schneeberge im meer

scherenschnitt-horizonte

seeigel

und abgelegte krebszangen

weit draußen fischerboote

 

und abends liegen wir

als nordkinder in der krippe

 

dann, in der nacht

beginnt die jagd

 wind und wolken

vom meer

rütteln an unserem zelt

nähern sich ungestüm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

skibotn

 

skibotn war duster

und trist

die fjordhänge

am weg gewaltig

 

begreife die jahrmillionen alten

landschaftsgemälde

in ständigem wandel begriffen

zu langsam dem auge

des eintagsfliegenmenschen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

felsen

 

die felsen sind glatt und naß hier

sie ähneln dem weichen wasser

welches sie formt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

abend am fjord

 

gerüst aus holz

am ufer des fjords

 die fische trocknen

 

boot aus holz

am ufer des fjords

die paddel ruhen

 

haus aus holz

am ufer des fjords

die menschen träumen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

nordland

 

es ist gut, hier zu sein

beim moosig getränkten boden

beim täglichen farbspiel

von himmel und fjord

bei der hochland-kargheit

bei der wasserstimme

bei den trollen

 im lande der riesen

 

es ist gut, hier zu sein

bem sanft schaukelnden boot

beim glatten rücken

des walfischfelsens

beim eiskalten see

dem gebirgstiefen fjord

beim reißenden sturzbach

beim organisch geschwungenen pfad

bei der schlucht und der kluft

bei der mitternachtssonne

auf der baumlosen höhe

ist es gut

nun zu sein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

honningsvaq

 

wir fliegen

mit sommersandalen

im hellen nordkappland

wir taumeln umher

finden das elchgeweih

und der lappen-nomaden

steinerne altäre

hoch oben

vorm neblig goldenen meer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ulvsvag abend

 

wir holen den himmel

auf die erde

wir holen

die blaue sphäre

luft und wasser

heidekraut und

moosbewuchs

auf unserer insel

ein fensterplatz

am meer

majestätisch schweben wir

über dem wasserspiegel

ganz eins sein

braucht man hier

nicht mal zu meditieren

 

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Am ionischen Meer

 

Kalabrien

auf samenlosen Feldern

Hügeln verbrannten Landes

Dort unterm alten Atem

Die griechische Säule

Kolonnade des Hirns

In ein Bild gestampft

Wie von Trommlern

Im fahlen Licht

Des Zurückliegenden

Sybaris

Eine Anleitung

Zur Kunst des Liebens

Auf sumpfigen Wassern geht

Der Jesus Pasolinis

Der heilige Franziskus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tarent

 

Du Schöne

Schweflig verspätetes

Unglück

Des Mezzogiorno

Vielleicht wärst du

Jung geblieben

Doch rauchen deine Schlote

Du unbeschaute Braut

Der nordische Jüngling

Wendet sich zum Meer hin

 

 

 

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Place de l`Horloge, Avignon

 

Die Straßencafés

Kellner im Laternenlicht

Glanzpoliere der Stadt

Ihre Augen spiegeln

Sternkonstellationen

Klavierklang bricht sich Wege

Hinaus zur knisternden Sommerluft

Braungebrannte Paare

Schlendern engumschlungen

Übers meerglatte Pflaster

Zu Gästen an den runden Tischen

(Die all das ahnen, noch nicht wissen)

 

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Brügges Gassen

 

Blanker Pflasterstein, worüber

Hufe klappern, Kutschen gehen,

Hoch im Klinker immer wieder

Heilīge in den Nischen stehen.

 

Fenster laden einzutreten

Zu den Spitzen und Pralinen,

Hinter den Portalen beten

Klöpplerinnen und Beginen.

 

Weiter durch die Labyrinthe

Führt mich eine Kirchenpforte

Zur Madonna mit dem Kinde,

Kniend sag ich Dankesworte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brügges Gassen (Sinnierung)

 

Draußen bei den Stadtkanälen,

Auf den Plätzen, von den Türmen,

Hört man sie noch leis erzählen,

Die von Gestern uns bestürmen.

 

Hier in Brügges alten Gassen

Sitz auf einem Brückenbogen

Ich und lausche ihren Seelen,

Die dereinst nach Süden flohen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(REISEBILDER UND GEDICHTE von Thomas Wolf, zusammengestellt

für diese Homepage 2000, Nachdruck nur nach Genehmigung durch den Autor)