AM ACHTEN TAG, IM LAND HINTER NIRGENDWO

 

von Thomas Wolf (ca. 1981/1985)

 

 

 

Achter Tag:

 

 

Wir Kinder aus Nacht

Legion der Geburt

Treiben

Hinaus aufs Meer

Aus Wahnsinn und Zuhaus

 

Am Strand der Verwirrung

Sich ordnende Wogen

Und Türen

Wie Sterne fallend

Bald?

 

 

 

I. WINZIGKLEIN

 

 

Die Gasse war schmal und schlecht gepflastert und schlängelte sich an nicht endenwollenden Häuserreihen vorbei den Hügel hinauf, auf dessen Spitze sich der sonnenüberflutete Bau einer alten Kirche befand.

Sein hölzerner Karren mit den vielen bunten Blumen darin ächzte und rumpelte auf dem Weg nach oben.

Seltsame Stille lag über der Stadt, selbst die Vögel schienen verschwunden zu sein, als hätten sie niemals dort auf Dächern und Bäumen gesessen und ihren fröhlichen Gesang verbreitet.

Bald erreichte er das mächtige Portal des Gotteshauses und schaute zurück auf die Gasse und die Gebäude der Stadt, die im grellen Licht der Mittagssonne in unwirklichem Glanz verharrten.

Quietschend protestierte der Einlaß, als er ihn schwerfällig aufschob.

Wieder erinnerte er sich an damals, als er an dieser Stelle stets von dem schwarz gekleideten Herrn freundlich begrüßt worden war.

Es war eine schöne Zeit gewesen, dachte er bei sich.

Nun aber war er allein, denn all die Anderen waren fort.

Fort waren die Marktfrauen, die über seinen krummen Gang und die hängende Schultern gelacht und gezetert hatten, die ihn „Bastard“ gerufen hatten, wenn er den großen Platz überquert hatte, um die Blumen, die er draußen vor der Stadt gesammelt hatte, dem alten Herrn zu bringen.

Fort waren die Kinder, welche mit den Fingern auf ihn gezeigt, welche ihn in Scharen durch die Stadt geleitet, welche gejohlt und gekreischt hatten, wenn er schwitzend und keuchend und erhobenen Hauptes seinen Gang zu beschleunigen versucht hatte, oftmals gestrauchelt war, sich wieder aufgerafft hatte, welche in seinen Wagen gespuckt hatten und er hatte sich des Speichels auf den bunten Blumen geschämt, wenn der alte Mann sie dann genommen und in die schlanke Vase vor das ewige Licht des Altarraums gestellt hatte.

Fort war auch er, der alte Mann, sein Freund, der ihm wie ein Vater gewesen war, der mit ihm gesprochen hatte, ohne eine Antwort zu erwarten, der ihm zu Essen und zu Trinken gegeben hatte, der ihn Staunen und Lachen hatte machen können.

 

An all das dachte er, als er nun wieder einmal die Kirche betrat, den hölzernen Karren mit den vielen bunten Blumen darin eifrig hinter sich her ziehend.

Das helle Sonnenlicht drang mühelos hinein in den Raum, durch die großen Fenster mit ihren vielfarbigen Mosaiksteinen.

Es gab hier niemand mehr, der für Ordnung gesorgt hätte, nur er kam Tag für Tag her.

Verstohlen blickte er um sich, auf die Bilder und Statuen, die ihm jedes Mal seltsam lebendig vorkamen.

Lange stand er reglos da.

Dann schritt er durch den breiten Mittelgang auf den Chorraum und das große Kreuz zu, das sich bis in eine für ihn schwindelerregende Höhe erstreckte.

Wie immer war da die schlanke Vase vor dem einstmaligen Licht, welches sein Freund, so glaubte er, mit sich genommen hatte, war es doch ein „ewiges Licht“ gewesen, das nie verlöschen konnte.

Er nahm die verwelkten Blumen aus dem Gefäß, legte sie auf seinen Karren und stellte liebevoll den mitgebrachten Strauß in die Vase.

Dann kniete er nieder, um das Gebet zu sprechen, das ihn der alte Herr gelehrt hatte.

Er betete langsam und deutlich und stolz, so wie beim ersten Mal, als er nach einer quälenden Zeit des unermüdlichen Lernens die wenigen Zeilen zu beherrschen begonnen hatte.

Und er sprach vom Vater und vom Himmelreich, vom Brot, von der Schuld und der Vergebung. Und er sprach von der Erlösung.

 

Sein hölzerner Karren mit den vielen welken Blumen darin ächzte und rumpelte, als er feierlich den breiten, von Sitzreihen umsäumten Gang zurückschritt, dem mächtigen Portal entgegen.

 

 

 

II. ERNIE

 

 

Im Meer der Tränen

In jenem Meere

Schiffte einst 'ne Fähre

Der Fährmann fand's zum Gähnen!

 

 

 

III. ICH

 

 

Wohin wird mein Traum mich führen?

 

Es gibt keine Grenzen

Im Land hinter Nirgendwo...

 

Ernie kommt mir wieder und wieder in den Sinn

Und all die Geschichten

Von Uhren, die unbeachtet ticken

Von Windmühlen ohne Flügeln

Von herabgefallenen Sternen

 

Ernie ist fortgegangen

Ich habe mir geschworen, ihn wiederzufinden

 

 

 

IV. DER JEMAND

Du brauchst keine Angst zu haben, Winzigklein! Angst macht allein die Unendlichkeit, die dir wie ein Faß ohne Boden, ohne Sinn erscheinen wird, wirst du sie erblicken. Doch fürchte dich auch davor nicht, denn überall ist das Licht, das die Angst verwischt!

 

 

 

V. WINZIGKLEIN

 

 

Es wurde Nacht in der großen Stadt. Er legte sich unter einem Baum im Freien zur Ruhe, denn er fürchtete sich vor all den schweigenden Häusern, deren monströse Schatten im diffusen Dämmerlicht ihm seltsame Visionen verursachten .

Erst als er beide Augen schloß und die Hände fest gegen sein Gesicht presste, fühlte er Geborgenheit.

 

In dieser Nacht träumte er von dem Niemand.

Der Niemand war ganz allein.

Der Niemand hockte auf einem winzigen Gesteinsbrocken im All und blickte in die Unendlichkeit.

Manchmal, nachdem er lange Zeit nur staunend geschaut hatte, erhob er sich.

Dann schwebte er zu einem der vielen anderen Gesteinsbrocken, die nahe seiner Welt waren.

Manchmal war er wie blind.

Schreckliche Angst überfiel ihn und er weinte.

Dann beruhigte ihn das unsichtbare Pulsieren des Alls und legte sich wie eine wärmende, schützende Hand über ihn, und er sah auf zu den mannigfaltigen kosmischen Gebilden, die seine einzigen Begleiter waren.

Oft war der Niemand geschwebt, hoch hinauf, in der Hoffnung, eines dieser Himmelslichter herabzuholen und zu betasten. Immer war er traurig zurückgekehrt.

Oft kam dem Niemand auch ein Wort in den Sinn, dessen genaue Bedeutung er nicht kannte. Er fühlte die Wärme, die von dem Wort ausging.

Das Wort war FREUND.

 

An jenem Tag, der sein letzter sein sollte, näherte sich ein Gebilde seiner Welt, das im Schein der vielen Sonnen blinkte und funkelte wie ein Edelstein.

Er hatte nie etwas ähnliches gesehen und war überglücklich:

FREUND!

Ein gewaltiger Sprung ließ ihn hinausschweben. Beschwörend wirbelten seine Gliedmaßen. Fassungslos stierten die Augen.

In jenem Moment war in ihm nur noch der FREUND, den er im Grunde seines Herzens immer gesucht, nie aber gefunden hatte.

Und in jenem Moment starb der Niemand, ohne es noch selbst zu bemerken.

 

Eine Gestalt verließ das Gebilde am Himmel und kam herabgeschwebt, um das tote Wesen zu untersuchen.

Die Gestalt war ein Mensch, ganz in schwarz gekleidet.

Die Gestalt stellte fest, daß der Niemand nicht mehr lebte und schuf ein Grab für ihn, auf dem einsamen Gesteinsbrocken im All.

Die Gestalt errichtete ein steinernes Kreuz.

Die Gestalt gab dem Niemand einen Namen, daß er ein Jemand wurde.

Der Name war

WINZIGKLEIN.

 

 

 

VI. ICH

 

 

Tage des Glücks und der Liebe, die einfach da waren, ohne den verzweifelten, unterwürfigen Versuch, dahingelangen zu müssen: Das war Ernies Sache! Das soll auch meine Sache sein.

 

Wolkenschatten

Malen Bilder

In den Abendhimmel

Wolken ziehen weiter

Wo sind die Damalsbilder?

 

 

 

VII. WINZIGKLEIN

 

 

Laut schreiend erwachte er und zuckte sogleich vor Schreck zusammen, weil ein vielstimmiges Echo, von den Häuserwänden der leeren Straßen zurückgeworfen, auf ihn eindrang.

Der Tag kündete sich mit einem Hahnenschrei an. Die Stadt war noch neblig und grau, als er mit aller Kraft zu dem Kirchhügel rannte, voll der Besessenheit, den alten Mann, seinen Freund, im Traum gesehen zu haben.

FREUND!

Als die Morgensonne majestätisch aufging erreichte er das Gotteshaus. Niemand war dort.

 

 


VIII. ICH

 

 

Land hinter Mitternacht:


Längst beschwört mein Stern

Wie sinnlos

Die Haut der Dunkelheit

 

Voll unbändiger Sehnsucht

Ertönt mein Ruf im Traumland

Das wieder nicht antwortet

Verschwende ich Fragen

Wie Regenteppiche

So finde ich dich nicht

 

 

Ernie ist ein Fragenhasser

Wie alle im Land hinter Nirgendwo.

Ich weiß das jetzt.

 

 

 

IX. ERNIE

 

 

Nutzlose Hände des Gewissens

Tragen Luftsorgen

Blinde Reisen aus Seelenleid

Fegen Mut aus

Braucht dich der Schritt der Lebensliebe

Sterbe ich für dich!

 

 

Die tanzenden Sterne

Wenn du einsam nachts

An grauen Mauern lehnst

Sind sie da

 

Es ist die Nacht

Die in dir lebt

In der du lebst

 

Abendluft

Umsäumt dein Haar

Das halbes Gesicht

Im Mondauge

 

Es ist die Nacht

Die dich erträumt

In der du träumst

 

Du weißt, was ich denke

Irgendwie willst du's nicht

Aber ich will dich

 

Du bist die Nacht

Die Nacht

 

 

 

X. WINZIGKLEIN

 

 

Die Gasse war schmal und schlecht gepflastert und schlängelte sich an nicht endenwollenden Häuserreihen vorbei die Anhöhe hinauf.

Sein hölzerner Karren mit den vielen bunten Blumen darin ächzte und rumpelte auf dem Weg nach oben.

Still lag die wolkenverhangene Stadt, als er das Gotteshaus betrat.

Still kniete er nieder.

 

Es wurde Abend.

Draußen vor der Stadt schritt er auf den Weg und einmal noch, ein letztes Mal, drehte er sich um zu dem Kirchhügel. Dann verschluckte ihn die Dunkelheit

 



XI. DER JEMAND

 

 

Das letzte Bild

Erlischt

Der letzte Satz

Verstummt

Es ist Zeit für dich

Zu gehen!

 

Dunkles Schweigen

Stirbt herbei

Das Ist das Ende

Den Tod, den du fürchtest

Gibt es nicht

 

 

 

XII. ICH

 

 

Der wartende Zug

Sieht mich

Jung bin ich gestern noch

Nun zittern die Wände

Des alten Zuhauses

Mein Haar ist zerzaust

 

Der wartende Zug

Sieht dich

Vorhänge fallen

Unbemerkt und blind

Wir alle sind

Fensterlos bei Nacht


Einer muß immer gehen, sagte Ernie, und wir zeigen nur auf ihn.

Warum nicht auf all die Bleibenden?

 

Ich weiß das jetzt.

 

 

 

XIII. ERNIE

 

 

Man läßt uns sein

Und oftmals auch allein

Sagst du

 

Wer wartet vorm Spiegel

Auf Licht und Leben?

Frage ich

 

Hilft noch beten, wenn Geistesleuchten

Die Welt als Armleuchter bevölkern?

Schöpft Schöpfer oder schröpft Schröpfer?

 

Vergiß es!

 

Zur Brücke gehen

Neue Hände säen

Geisteshände

Neue Bücher lesen

Traumbände

Wunderwichteldinge tun

Aus vergilbten Schriften

Die Morgenwelt erdichten

 

 

 

XIV. WINZIGKLEIN

 

 

Im gewaltigen Strom der Dimensionen ist das Reich der Lichter verloren und doch auf zauberhafte Weise eingebettet im unermeßlichen Kosmos. Irgendwo draußen in der Unendlichkeit, wo ein weiser, fremder Beobachter weder Zeit noch Raum viel Bedeutung zumessen mag, wo dieses Wesen gleichsam fassungslos und doch erhaben darüber, ein Teil des Großen, Unerklärbaren sein zu dürfen, auf seiner Warte verharren mag; irgendwo dort überblickt dieses Wesen vielleicht das Reich unserer Träume. Dieses vage Schattenreich mag keinen festen Ort haben, sondern die Wesen des Alls wie das Licht in seinem ständigen Entstehen und Vergehen durchdringen. Ohne die Finsternis, ohne die nur angedeutete Traumwelt, gäbe es vielleicht kein helles, sichtbares und offenbartes Lichterreich. Ebensowenig könnte wohl das Nachtreich ohne die Sterneninseln, das Vergängliche ohne das Unvergängliche, das Alles ohne das Nichts bestehen.

Stets ist ein Gegenstück mitgeboren und hat seinen notwendigen Platz, in der Waagschale des Universums. Selbst ein winziger Winzigklein muß sein!

 

WINZIGKLEIN, der Mensch, sah die unendliche Weite vor sich und träumte seinen Traum.

Irgendwann war da kein Halt mehr vor ihm und er stand am Rande des Alls und schaute hinab ins Sternenweltbilderbuch.

 

Eine himmlische Treppe tat sich vor ihm auf, und er betrat die erste Stufe.

 

 

 

XV. ERNIE

 

 

Schattenfinger

Greifen die Berge

Wolkenstraßen flüstern

Über Gipfel fließend

Schwerelose Wasserworte

Sandgestalten toben

Totentänze

Um weinende Steine

Wunderwinde singen

Auf wandernden Dünen

Lautlose Lichtmusik

Verzaubert Menschenkinder

Im Sonnenantlitz

Unvergänglich und klar

 

 

 

XVI. ICH

 

 

Ernie geht plötzlich fort, ohne sich zu verabschieden.

Ernie ist plötzlich da, ohne sich anzumelden.

 

Ich weiß das jetzt.

 

Hinter der Sonne fand ich ihn.

 

Es gibt keine Mauern

Im Land hinter Nirgendwo

Erkennst du es nun?

 

Es ist Zeit zu leben

Hinter der Brücke

Im Land hinter Nirgendwo

 

Ich weiß das jetzt.

 

„Hehe!“, brüllt Ernie

Und wir rutschen den Erdbeerhügelbuckel runter

 

Es ist heiß

Und wieder schlägt die Turmuhr Mitternacht

Und die Glocken drüben vom Buckelbergturm

Klingen mal laut, mal leise

Im Spiel des Wüstenwindes

 

Die Wüste ist nachtblau erleuchtet

Wächter Käsemond greift nach mir

Mit blauen, satten, kleinen Schatten

Ich bin müde auf einmal

Und Ernies Stimme klingt wie merkwürdiger Klebstoff

Sanften Schlummer flüstert sie:

 

„Alles ist ein Traum, Traum...“

 

 

 

XVII. WINZIGKLEIN

 

 

Winzigklein stand in der Arena der Vergangenheit, ganz unten, ganz allein, in

der Mitte auf der Bühne, die ein einziger Spiegel war und seltsame Schatten reflektierte, die wie dunkle Wolken einherschwebten und ihm Furcht bereiteten.

Winzigklein blinzelte ehrfürchtig auf, als von überallher Licht auf ihn einfiel und ihn zu verzaubern schien.

„Du bist Winzigklein“, hauchte eine Stimme durch das weite Rund, oder war es nur der Wind, der sanft über die uralten steinernen Ränge und Türme strich?

Und plötzlich war es Winzigklein, als könne er all die Wesen sehen, die vor Zeiten dort auf den Stufen gejubelt, geschrien und geweint haben mochten.

Doch bald schon verschwand seine Vision. Die Arena der Vergangenheit war abermals leer und kalt und steinern und Winzigklein stand auf der seltsam schimmernden Fläche und bewegte sich nicht.

„Du bist Winzigklein“, raunte es ein letztes Mal, aber da war Winzigklein lange schon fort.

 

Und er wußte, in der Arena der Zukunft würde jemand sein, der ihn erwartete.

 

ENDE

 

 

(gedruckt als variierte Fassung von TRAUMZEIT II in TAURIS-Fanzine, 1985)