MÄRCHEN von Thomas Wolf

 

 

Die Hexe vom schwarzen Turm

Das seltsame Kostüm

Die drei Perlen

Die Wassernixe und der Flammengott

Der goldene Orden

Die Gemse

Der Dorfspuk

Der Laden in den Wolken

Auf dem Turm

Das Mädchen mit dem Muschelhorn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE HEXE VOM SCHWARZEN TURM

 

 

Es war einmal eine verborgene Hexe, die lebte allein in einem schwarzen Turm und saß des Nachts in einem hohen, unheimlichen Zimmer vor ihrer Kristallkugel. Immer zur Mitternacht hob die Hexe ihre weißen Hände aus dem wallenden Gewand und breitete sie zum Himmel aus. Mit funkelnden Augen schaute sie über das Land und konnte in tiefster Dunkelheit alles so sehen, wie die übrigen Menschen am Tag. Dann rief sie einen Zauberspruch in die Einsamkeit hinaus: „Nachtgewitter, Nachtgewitter, Eul’ und Fledermaus, dunkler Flug hinaus, Nachtgewitter, schwarzer Rabe, schwarze Träume, kommt heraus, kommt heraus, feuchte Lüfte, Düfte von der Finsternis, Wolkenfetzen vor dem Mond, vor dem Mond, Mitternacht im schwarzen Turm, schwarz sei eure Kunde, Fensterhöhle, schwarze Ranke, Nachtgedanke, Nachtgewitter, Nachtgewitter, Eul’ und Rab’ und Fledermaus, kommt heraus, kommt heraus!“

Als sie das rief, ging ein hohles Echo durch das alte Gemäuer, so, dass die Mäuse in ihre Löcher flitzten und sich den Katzen das Fell sträubte. Dann nahm die Hexe mit einem Schöpflöffel von dem dampfenden Gebräu, das sie in ihrem großen Kessel gebraut hatte und wiederholte ihre Beschwörung.

Da begannen die Knochen der Hexe zu knirschen und sie zerfiel in drei Teile: Ihr Kopf wurde zu einem Raben, aus ihrem Rumpf trat flatternd eine Eule und ihre Beine gerieten zu einer Fledermaus. Das Gewand der Hexe fiel leer zu Boden. Die drei Tiere umflatterten wie wild den alten Turm und flogen dann in verschiedene Richtungen davon.
Der Rabe erreichte die Stadt und drang lautlos durch geöffnete Fenster und Türen zu den Schlafenden vor. Mit seinem geschickten Schnabel nahm er wertvolle Dinge auf und stahl sie den Menschen. Oftmals kehrte der Rabe mit Schmuck, mit Ringen oder silbernem Besteck in den alten Turm zurück Die Fledermaus nahm ebenfalls Kurs auf die Stadt. Dort pflegte sie an Ästen oder Dachsparren zu hängen und den träumen der Menschen zu lauschen. Die Eule hingegen flog an den Rand der Wälder oder auf hohe Aussichtspunkte über den Feldern, um von dort Beutetiere auszumachen und sie zu jagen, bis ihr Hunger gestillt war.

Vor Eintritt der Morgendämmerung waren auch Fledermaus und Eule heimgekehrt und meist wartete der Rabe schon auf sie. Dann begann ein merkwürdiges Schauspiel: Die drei Tiere umkreisten nochmals den alten Turm. Der Rabe krächzte und die Eule rief „huhu“ und unhörbar hoch schrie die Fledermaus. Danach stürzten sich die Drei wie auf ein gemeinsames Kommando durch die schwarze Fensteröffnung in das Dachzimmer des Turmes. Dort dampfte auf der Feuerstelle noch der große Kessel, in dem die Hexe ihren Zaubertrank gebraut hatte. Tatsächlich flogen Rabe, Eule und Fledermaus direkt in die dampfende Brühe hinein. Da rumpelte es in dem Kessel und er kippte polternd zu Boden. Als der Rauch sich lichtete, lag am Boden in einer heißen Pfütze splitternackt die Hexe. Zitternd erhob sie sich und nahm ihr Gewand auf, das vom Abend noch dort lag. Da ging die Sonne auf und die hexe fiel in einen tiefen Schlaf.

Tag um Tag, Jahr um Jahr, wiederholte sich die Verwandlung der Hexe, bis eines Nachts der Rabe beim Stehlen erwischt und von einem wütenden Menschen mit der Flinte erschossen wurde. Da kreisten Eule und Fledermaus bis zum Morgengrauen und bis zum Sonnenaufgang um den Turm. Doch der Rabe kehrte nicht zurück. Dann stürzten sich die beiden Übriggebliebenen schreiend in den dampfenden Kessel. Als aber der Rauch sich verzog, lag die Hexe kopflos und ohne Leben am Boden.

Lange Zeit später entdeckten Wanderer den einsamen Turm und das kopflose Knochengerüst der Hexe. Sie fragten sich, welches schreckliche Verbrechen wohl dort begangen worden war. Wiederum verging eine sehr lange Zeit, bis die alten Geschichten und Vermutungen vergessen waren, die sich um den Turm rankten. Dieser war nun eine romantisch anmutende Ruine und Liebespaare trafen sich oft und gerne dort, um ihren geheimen Wünschen nachzugehen. Eines nachts aber, als ein Jüngling und seine verlobte am Fuße des Turms in süßen Träumen entschlummert waren, drang ein rötlicher Lichtschein aus dem oberen Turmzimmer und eine unheimliche Stimme war krächzend aber deutlich zu hören. Die Stimme rief: Nachtgewitter, Nachtgewitter, Eul’ und Fledermaus, dunkler Flug nach Haus, Nachtgewitter, schwarzer Rabe, schwarze Träume kommt heraus, feuchte Lüfte, Düfte von der Finsternis, Wolkenfetzen vor dem Mond, vor dem Mond, Mitternacht im schwarzen Turm, schwarz sei eure Kunde, Fensterhöhle, schwarze Ranke, Nachtgedanke, Nachtgewitter, Nachtgewitter, Eul’ und Fledermaus, kommt nach Haus, kommt nach Haus!“

Die Liebenden erwachten und flohen in Panik vor dem Turm. Im Weglaufen meinte der Jüngling noch zu erblicken, wie sich die Silhouette eines schwarzen Raben vorm rötlichen Schein des oberen Turmfensters abzeichnete.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DAS SELTSAME KOSTÜM

 

 

In einer Theaterrequisite lagen unbeachtet ein Kostüm, ein Zauberstab und eine Maske. Es war schon lange her, daß man sie auf der Bühne gebraucht hatte, und so sprang das Kostüm von der Garderobe, die Maske setzte sich oben auf den Kragen und die schlaffen Ärmel ergriffen mit Mühe den Zauberstab. Das Kostüm war schlank genug, um mit Maske und Stab durch die Gitterstäbe eines Kellerfensters ins Freie zu gelangen. Da es draußen in Strömen regnete, kehrten sie noch einmal zurück und überzeugten ein Paar ausgelatschter Clownsschuhe und einen Parapluie ebenfalls mitzukommen.

 

Die Fünf brachen auf und wären schon fast an der ersten Hausecke gestoppt worden, als ein großer Lastwagen mit quietschenden Bremsen so eben noch vor dem merkwürdigen Ensemble zum Stillstand kam. Die Maske entschuldigte sich bei ihren Begleitern dafür, dass sie zwar Augen besaß, aber keine Ohren, die den Straßenlärm rechtzeitig hätten hören können. Man kehrte also nochmals um und nahm einen Satz Ohren aus der Requisite mit. Nun waren sie zu sechst, oder besser zu siebt, denn es waren zwei Ohren mitgekommen. Alle zusammen wussten sie nicht genau, was nun zu tun war, weil sie alle nur wenig Verstand besaßen. Der Zauberstab war zumindest so klug, sich an eine Schrift zu erinnern, die der alte Zauberer beim Auftritt in die Luft geschrieben hatte. Er befahl dem Ärmel des Kostüms, ihn zu führen und die Schriftzeichen zu wiederholen. So getan, sprang eine wunderschöne rote Rose aus dem einen Ende des Zauberstabs. Da waren sie alle zufrieden, denn die Rose wusste viel über die Liebe. Die Rose wurde am Knopfloch des Kostüms befestigt und es ging weiter. Unterwegs begegneten sie einem Gebiss, das jemand verloren haben musste. Da es draußen trotz des Frühsommers noch kühl war, beschloß man, das Gebiss dafür mitzunehmen, um bei Bedarf etwas mit den Zähnen klappern zu können. Das Gebiss zeigte sich erfreut über die Einladung und plauderte nebenbei noch eine Menge unterhaltsamer Dinge über seinen Vorbesitzer aus, bis es dem Zauberstab zuviel wurde und er androhte, eine Menge bunter Tücher herbeizuzaubern, um das Gebiss damit zu knebeln.

 

Als sie in den städtischen Park gelangten, kam die Sonne zwischen den Wolken hervor. Die Maske bat darum, ein wenig auf einer Bank auszuruhen und ihr Gesicht im Sonnenlicht wärmen zu dürfen. Dem Kostüm und dem Parapluie kam das gerade recht, denn so konnten sie sich trocknen. Auch die Rose streckte ihre herrliche Blüte dem Licht entgegen und tropfte ihre Blätter ab. Die Ohren lauschten dem Wind und den Vögeln im Park. Stimmen von Fußgängern näherten sich. Schon schnupperte ein kleiner Hund neugierig am Hosenzipfel des Kostüms, bis die plumpen Clownsschuhe dem Hündchen einen sanften Stoß verpassten, so dass es jaulte und davonlief. Zwei Kinder, die einen Drachen steigen lassen wollten, näherten sich der Parkbank und zeigten mit den Fingern auf das merkwürdige Kostüm mit der Maske. Als das Gebiss zu klappern begann, traten sie erschreckt zurück, doch es kamen immer mehr Schaulustige hinzu, die sich im Halbkreis um die Parkbank versammelten. „Theater! Theater!“, klapperte mit einem Male das Gebiss, und der Ärmel mit dem Zauberstab zog Schleifen durch die Luft, bis ein Schwall von buntem Konfetti aus seiner Spitze schoß und auf die Umstehenden herabzuregnen begann. Ein herbeigerufener Polizist besah ebenfalls das Schauspiel und rückte sich hilflos die Mütze zurecht.

 

Da das Gebiss immer noch „Theater! Theater!“ klapperte, kam jemand auf die Idee, den Theaterdirektor zu verständigen. Wenig später kam dieser in einer vornehmen Limousine angefahren. Sein Chauffeur öffnete die Wagentür und der Theaterdirektor, ein fülliger Mann mit schwarzer Melone und dicker Zigarre im Mundwinkel, stieg schwerfällig aus. Der Polizist unterrichtete ihn über die Geschehnisse und der Direktor ging auf die Parkbank zu, um die seltsame Maskerade selbst anzusehen. „Theater! Theater!“, hörte er es bereits von weitem klappern. Es schneite Konfetti und die Hutkrempe des Direktors war schon voll davon. Hilflos starrte er auf die Parkbank und rückte sich wie schon der Polizist die Kopfbedeckung zurecht.

 

Da trat ein kleiner, unscheinbar wirkender Mann aus dem Publikum hervor. Mit einer geschickten Handbewegung ergriff er den Zauberstab und zog  einige schnelle Linien durch die Luft. „Theater! Theater!“, schallte es noch, als das Kostüm mitsamt Maske, Schirm, Gebiss und Ohren zu Boden fiel. Alle blickten auf den kleinen Mann, der den Zauberstab in der einen und die schöne Rose in der anderen Hand hielt. Applaus setzte ein und der Mann verbeugte sich ein wenig. Da gingen die Menschen auf ihn zu und fragten ihn, wer er war. Der Theaterdirektor stand noch ganz fassungslos daneben und hatte bereits erkannt, dass der Mann ein Zauberer war, den er selbst vor einiger Zeit entlassen hatte. Als der Direktor nun die begeisterten Menschen sah und wenig später erfuhr, in welchen ärmlichen Verhältnissen der Mann nun leben musste, bot er ihm an, mit der eben gesehenen Nummer wieder in seinem Ensemble aufzutreten. Der Mann aber lehnte ab, hob Kostüm, Maske und die anderen Requisiten vom Boden auf, nahm sie mit sich und ging fort.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE DREI PERLEN

 

 

Drei Tränen flossen über die Wange einer Liebenden in ein kleines Bächlein am Weg. Fortan beschloß sie, nie mehr zu weinen. Aus den drei Tränen wurden drei edle Perlen, die am Grunde des Baches zu leuchten begannen. Mit den Jahren wuchsen drei Weiden am Ufer und die gebogenen Äste schwankten im Wind über dem sprudelnden Wasser. Die Frau, die eine Magd war, gebar drei Kinder, mit denen sie oftmals zu dem Ort zurückkehrte. Sie hatte einen treuen Mann und Vater für die Kinder getroffen, doch im Herzen blieb sie kalt und mochte nicht mehr weinen.

Eines Tages wurde die Magd ernsthaft krank und bekam so hohes Fieber, dass die Ärzte sie bereits aufgaben. Im Fieberwahn aber rief sie nicht nach ihrem treusorgenden Mann, sondern immerzu den Namen des Jünglings aus, den sie einst als junges Mädchen über alles geliebt hatte. Der aber war ein wohlbekannter und angesehener Mann geworden und hatte es durch seine Minnekünste vom einfachen Höfling zum Minister am Staate des Königs gebracht. Vor vielen Jahren hatte er sich auf eine Liebelei mit der blutjungen Magd eingelassen und ihr das unschuldige Herz gebrochen. Als nun die todkranke Frau wie von Sinnen lauter und lauter nach Jenem verlangte, wusste sich ihr armer Ehemann nicht mehr anders zu helfen und machte sich auf den Weg zum Königshof, um den Minister in sein bescheidenes Haus zu bitten. Der Minister aber ließ, als er von dem Ansinnen hörte, den Mann aus seinem Palast werfen.

Der Mann der Magd machte sich verzweifelt auf den Heimweg und kam bei der Stelle mit den Weiden am Bach vorbei. Als er sein heißes Gesicht im Wasser kühlen wollte, sah er am Grunde die drei Perlen aufleuchten, holte sie herauf und nahm sie mit sich. Zu Hause angekommen, fand er seine Frau ruhig und mit weit offenen Augen im Bett liegend an. Er erzählte ihr alles, was geschehen war. Als sie jedoch nicht auf seine Ansprache reagierte, dachte er, sie sei verrückt geworden. Hilflos legte er die drei Perlen in ihre Hand und sagte liebevoll, dass jede Perle eines der Kinder sei, die sie ihm geschenkt hatte. Die Frau aber hatte wohl alles mitbekommen und fing mit einem Male so sehr zu Weinen an, dass sie gar nicht mehr aufhören wollte. Bald darauf wurde sie wieder gesund und liebte fortan ihren Mann und die Kinder über alles. Die drei Perlen jedoch waren aus ihrer Hand verschwunden und wurden nie wiedergefunden.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE WASSERNIXE UND DER FLAMMENGOTT

 

 

Im Wasser spiegelte sich ein wunderbares Schloß, als das Mädchen erwachte. Wie lang mochte ihr Schlaf gedauert haben, in wie tiefe Träume war sie entschwunden gewesen? Das Mädchen blinzelte in ein helles Licht. Sie spürte wohlige Wärme auf ihrer Haut. „Sommer!“, war ihr erster Gedanke und tatsächlich: Die Seerosen hatten sich zu voller Pracht entfaltet und rotgoldene Fische schwammen knapp unter der Wasseroberfläche. Der grünliche Leib einer Nixe tanzte auf dem Wasser. Ihr schuppiger, feuchter Körper und die langen, mit Algen durchsetzten Haare waren das nächste, was das Mädchen gewahrte. Da fühlte sie ihren durchnässten Körper und strich sich das klamme Grün aus dem bodenlang gewachsenen, rötlichen Haar. Sie selbst war das türkise Wasserwesen, dessen Spiegelbild sie just erschaut hatte! Staunend betrachtete sie ihre grazilen Arme und die durchscheinenden Schwimmhäute zwischen den schlanken, bleichen Fingern, die sich mit einem Male zurückzubilden schienen. Erschrocken wollte sie sich mit der breiten Schwanzflosse einen Ruck geben und zurück in die feuchte, geheimnisvoll heraufscheinende Tiefe gleiten. Da sah sie, dass ihr zwei menschliche Füße anstelle der Flosse gewachsen waren. Als sie sich aufrichtete und noch ein wenig unter der Schwerkraft gekrümmt dastand, fiel ihr Blick zurück auf das Wasser, aus dem sie gerade entstiegen war. Sie erkannte zwei ihrer Schwestern wieder, die sich vom Grunde her näherten. Die Nixen tauchten auf und legten ihr ein Schmuckstück vor die Füße. Summ grüßten sie ihre Schwester und verschwanden lautlos wieder im Wasser. Sie schaute an sich herab und sah eine Kette aus Perlmutt vor sich am Boden liegen. Dankbar nahm sie die Kette und legte sie sich um den Hals. Mit nichts als der Muschelkette bekleidet machte sie sich auf und schritt durch das Tor des wunderbaren Schlosses. Zwei Hofdamen kamen mit einem weißen Kleid herbei und hießen sie, sich zu beeilen. Da wurde sie durch viele prachtvolle Räume und immer prunkvolle erscheinende Spiegelzimmer und Säle bis in eine gewaltige Kathedrale geführt, deren Wände und Decken vor purem Gold nur so glänzten. Da traten ihre Führerinnen beiseite und zwei junge, königliche Ritter geleiteten sie vorbei an den langen Reihen des versammelten Hofstaates bis vor die große Freitreppe am Ende der Halle. Stufe um Stufe stiegen sie hinauf. Bei den Wolken musste der erste Ritter zurückbleiben. Als sie zum Mond kamen, sank der zweite Ritter in den Staub und blieb reglos liegen. Das Mädchen aber war zu einer wunderschönen Frau geworden. Sie erreichte die Sonne und war nun so schön, dass sie kein Mensch mehr anzuschauen vermochte. Allein der Flammengott, vor dessen Thron sie nun trat, hielt ihrem Blick stand. Sie vermählten sich und lebten fortan in strahlender Liebe auf der Sonne. Das Halsband aus Perlmutt zersprang und kann noch heute von den Liebenden auf der Erde in vielen Sternbildern, wie Auriga, Bootes, Corvus, Capricornus, Eridanus, Lupus, Aquarius, Vela, Pavo oder Phönix am nachtklaren Himmel gesehen werden.

 

 

 

 

 

 

DER GOLDENEN ORDEN

 

 

Unter einem steinernen Wegkreuz saß ein müder Wanderer. Ein kleines Mädchen lag schlafend in seinen Armen. Beide hatten sich zusammengetan, denn es war Krieg und die Eltern des Mädchens waren umgekommen. Der Wanderer aber war ein altgedienter Soldat, der auch nach seiner ehrenhaft beendeten Dienstzeit ein unruhiges Leben geführt hatte und viel in der Welt herumgekommen war Er hatte sich des Waisenkindes angenommen, ohne zu wissen, wie er die Kleine und sich selbst ernähren und durchbringen konnte. Doch es schien ihm, als hielte ihn das Mädchen am Leben, denn der Alte bettelte hier und erledigte dort Arbeiten für die Menschen, denen sie unterwegs begegneten. Fast immer reichte es dann für ein warmes Bett und eine gute Mahlzeit für das Kind und für ihn. Nun aber, so schien es, wendete sich das Blatt und die Kräfte wollten den alten Mann verlassen. Da im ganzen Land gekämpft und gebrandschatzt wurde, mussten viele ehrliche Leute hungern und ihr Leben opfern. An jenem Tag war der Wanderer von einem Trupp Soldaten hinterrücks überrascht und der ganzen Habseligkeiten, die er bei sich trug, beraubt worden. Sie hatten ihm auch seine wenigen Münzen genommen, welche er in einem Lederbeutelchen aufbewahrt hatte und ihm und dem Mädchen nur das nackte Leben gelassen. Nun wusste er nicht mehr weiter. Die letzten warmen Tage des Herbstes gingen zu Ende und der Winter nahte. Wie sollte er dem Kinde jetzt noch helfen? „Kleine Anna, was soll ich nur tun?“, dachte er bei sich, denn Anna hieß das Mädchen. In dem Moment erwachte Anna und blinzelte zu ihrem väterlichen Freund hinauf und zu dem Kreuz am Weg, unter dem sie rasteten. Zärtlich strich sie über das Gesicht des Alten. „Liebe Anna“, sagte der, „nun hat man uns alles genommen. Wir haben doch Hunger und Durst und keine Arbeit und keinen Taler mehr, um Essen zu kaufen. Wie viele Menschen müssen leiden, in diesem Krieg! Siehst du, Anna, wie böse die Menschen einander sind? Siehst du, meine Kleine, wie sie auch deine liebe Mutter und deinen seligen Vater totgeschlagen haben! Jetzt habe ich für uns nur noch dies eine...“ Sprach’s und nahm sich mit einem vernehmbaren Knacken den Absatz seines Stiefels ab. In dem Absatz hatte er einen kostbaren Gegenstand versteckt, einen wertvollen Orden aus Gold, der ihm einst für seine treuen Dienste verliehen worden war. Er reichte den Orden dem Kind und Anna betrachtete ihn andächtig.

Da kam eine Schar Reiter den staubigen Weg entlang geprescht und der alte Mann schubste das Kind in ein nahestehendes Gebüsch. „Bleib dort versteckt, Anna“, zischte er der Kleinen zu. Die Reiter aber waren schon herangenaht und umzingelten den Wanderer. „Gib deine Habe heraus, Alter“, forderte einer von ihnen, ein Mann mit Schnauzbart und dunkel gegerbter Gesichtshaut, der einen schützenden Panzer um den leib trug. Als der Alte sagte, dass er nichts mehr besitze, wurde der Dunkelhäutige ungehalten und streckte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, mit seinem langen Speer nieder. Dann stieg er vom Pferd und durchsuchte den verblutenden nach Wertsachen. Als er nicht fündig wurde, ritt er fluchend mit seiner Horde weiter. Die arme Anna jedoch saß starr vor Angst in dem Gebüsch und konnte sich nicht regen. Eine kalte und windige Nacht brach herein und das Kind saß immer noch an der Stelle und blickte auf den Freund, der unbewegt am Boden lag. Da stand sie auf, ging weinend zu ihm und heftete dem Toten den goldenen Orden auf die blutverkrustete Brust. Dann machte sie sich allein auf den Weg, der schwach im Mondlicht zu sehen war. Als sie im gehen schon fast einschlief, trat ein Engel an ihre Seite und umfing sie sanft mit seinem wärmenden Licht. Sie wunderte sich und fragte: „Wer bist du?“ Der Engel sendete noch wohligere und leuchtendere Strahlen über das kleine Kind. Dann sprach er: „Dein Freund ist tot und deine Eltern sind im Himmel und deine Brüder und Schwestern sind umgekommen, in dem grausamen Krieg, und sie alle warten auf dich, dort, wo es warm und freundlich ist und wo jeder sein Auskommen hat. Dort leidet niemand Hunger oder Not. Dort, wo ein kleines unschuldiges Kind nicht allein sein muß, so wie du, auf dieser feindlichen Welt.“ Da trat der Engel mit ihr durch ein Tor aus reinem Licht und in einem glänzenden Saal fand die kleine Anna pochenden Herzens all die lieben Menschen wieder, von denen der Engel ihr erzählt hatte.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE GEMSE

 

 

Ein junger Wanderbursche kam in der Abenddämmerung müde in ein kleines Dorf. Da er seinen letzten Taler am Tage ausgegeben hatte, wurde ihm im Gasthof ein Bett verweigert. Der Wirt schickte ihn zu einem alten, verfallenen Haus außerhalb der Ortschaft. Er fand das Haus in den Feldern und machte sich daran, Reisig für ein Feuer zu sammeln, denn es war kalt und zugig in dem Haus, das keine Fensterläden und Türen mehr besaß und das Dach hatte viele Löcher, durch die man die Sterne sah. Als er schon viel Kleinholz beisammen hatte und das ganze Bündel gerade auf den Buckel heben wollte, um zu seiner Schlafstatt zurückzukehren, bemerkte in einiger Entfernung eine dunkle Öffnung in einem Felsen. Neugierig ging er hin und fand einen Gang, der in den Fels hineinführte. Der Eingang zur Höhle war nur so hoch, dass er sich bücken musste, um sie zu betreten. Er kniete davor nieder und hörte mit einem Mal eine Stimme, die etwas anschwoll und dann wieder schwächer wurde. Die Stimme kam aus dem dunklen Gang, schien aber weit entfernt zu sein. Wie magisch angezogen, ging der Bursche gebückt in die Höhle hinein. Er kam in einen kleinen Raum, in dem er bequem stehen konnte. Der Raum war leer, bis auf eine brennende Fackel, die in einer Halterung an der Wand befestigt war. Kleine Wasserbächlein rannen von den feuchten Wänden. Am Ende des Raumes war eine Tür mit einem schwarzen Knauf. Der erstaunte Bursche wischte einige Spinnweben zur Seite und drehte am Knauf, bis sich die Tür knarrend öffnen ließ. Hinter der Tür war es fast dunkel, so dass der Bursche die Fackel von der Wand nahm, um besser sehen zu können. Dort begann ein schmaler Gang, der sich immer mehr verengte und auch niedriger wurde, so dass der Bursche schließlich niederknien musste, um weiter in dem Tunnel voranzukommen. Der Gang hatte viele Abzweigungen, so dass der Jüngling sich mehrmals für die rechte oder die linke Richtung entscheiden musste. Immer wählte er den rechten Weg und meinte so, sicher zum Eingang zurückfinden zu können. Als aber bei einem plötzlichen Windstoß seine Fackel erlosch, bekam er große Angst und saß eine Zeitlang reglos in der Finsternis. Was sollte er nun tun? Dann vernahm er wieder die seltsame Stimme, die er vor der Höhle gehört hatte. Diesmal war sie lauter und heller und er erkannte, dass es eine Frauenstimme war. Der Bursche kroch nun ohne Licht durch den Tunnel und folgte dem Klang. Er spürte, dass der Weg nun immer weiter anstieg und er musste all seine Kräfte zusammennehmen, um weiter hinaufzugelangen. Irgendwann, er hatte fast die Hoffnung aufgegeben, wurde es vor ihm heller und tatsächlich gelangte er an das Tageslicht.

Da stand der Bursche in schwindelnder Höhe auf einem Berggipfel über den Wolken und ungläubig sah er den tiefblauen Himmel und die Gebirgslandschaft rundherum. Eine Gemse sprang den steilen Abhang hinauf, ließ sich vor seinen Füßen nieder und sah ihn aus tiefen dunklen Augen an. „Wie glücklich du aussiehst, einsamer Wanderer“, sprach die Gemse. „Ja“, sagte der Bursche, „denn gerade noch war ich in einer dunklen Höhle, ganz verlassen und ohne Hoffnung“. „Ich möchte dir ein Geheimnis zeigen“, sagte die Gemse und sprang so schnell und geschickt den Bergweg hinunter, dass der Bursche ihr kaum folgen konnte. Sie erreichten die obere Wolkendecke und gerieten in einen starken Nebel, so dass der Bursche oftmals meinte, die Gemse aus den Augen verloren zu haben, doch immer wartete sie auf ihn. Endlich öffnete sich der Blick in ein herrliches Tal mit sommerlichen Wiesen und Gärten und kleinen Bauernhäusern, die sich idyllisch an die Hänge schmiegten. Der Bursche pflückte einige Kräuter und wollte sie seiner Führerin zu fressen geben. Da sah er neben sich auf einem Findling ein wunderschönes Mädchen sitzen und als er sie anblickte erkannte er die tiefen braunen Augen der Gemse wieder. „Dies ist nun deine Heimat“, sprach das Mädchen, nahm seine Hand und ging mit ihm ins Tal, wo sie schon von fröhlichen Menschen erwartet wurden.

Die Leute bildeten einen Kreis um den Burschen und das Mädchen, tanzten und riefen immer wieder aus: „Willkommen in Friedenberg, willkommen in Friedenberg....“, denn so hieß der Ort. Als alle tanzten und herumkreisten wurde dem Burschen plötzlich ganz schwindelig. Die Bilder verschwammen um ihn herum und er spürte Kälte und Wind auf seiner Haut. Die Hand des Mädchens entglitt ihm und sie sah ihm traurig nach. Der Bursche glitt zu Boden und prallte auf. Es wurde wieder dunkel um ihn herum. Als er die Augen aufschlug, wusste er nicht, wo er war. Es war Nacht und Mondlicht fiel durch die Baumwipfel über ihm. Da sah er ein großes Bündel Reisig neben sich liegen. Er war vor Müdigkeit mitten im Wald eingeschlafen und hatte es nicht mehr zurück zur Hütte geschafft. Frierend stand der Bursche auf, nahm sein Bündel und ging zum einsamen Haus in den Feldern zurück. Dort machte er ein Feuer und legte sich schließlich nachdenklich zur Ruhe. Am nächsten Morgen setzte der junge Mann seine Wanderung fort, denn er wollte bei einem Meister in die Lehre gehen. An diesem Tag stellte er sich auch bei einem Buchdrucker vor, doch der Mann hatte bereits einen Lehrjungen. Als der Bursche gerade die Druckerei verlassen wollte, fiel ihm ein Holzschnitt an der Wand ins Auge. Das Bild zeigte eine Berglandschaft. Unter den abgedruckten Ortsnamen fand der Bursche auch den Namen „Friedenberg“ und der Meister bestätigte ihm, dass es diesen Ort tatsächlich gab. Da machte sich der Bursche fröhlich und mit einem neuen Ziel im Herzen auf den Weg. Der Weg in die Berge würde lang sein, doch er dachte nur noch an die treuen Augen des Mädchens und seine Füße liefen wie von allein.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DER DORFSPUK

 

 

Im Mittelalter, so erzählt man sich, geschah es in einer Stadt in Deutschland, dass eines Nachts ein großer Lärm ausbrach. Wie von Geisterhand bewegt, fingen alle nur erdenklichen Gebrauchsgegenstände an, lebendig zu werden: In den Werkstätten schlugen die Hämmer auf die Ambosse, in den Küchen klapperten die Töpfe, Suppenkellen und Pfannen gegeneinander, in den Stuben fegten die Kehrbesen umher und Fässer rollten durch die Straßen.

Da erhob sich unter den Menschen ein großes Geschrei und voll Angst liefen alle wild durcheinander. Nur ein alter, schwerhöriger und fast blinder Greis, den man geweckt hatte, bemerkte nichts von all dem. Er dachte, dass der Morgen gekommen sei und machte sich wie üblich auf den Weg zum Brunnen am Platz vor dem Haus. Niemand achtete weiter auf den Alten, als er vorm Brunnen stand und die Seilwinde ergriff, um einen Eimer Wasser hinaufzuziehen und sich zu erfrischen. Da kam ein großes Butterfaß die Straße herabgerollt und verpasste dem Alten einen solchen Stoß, dass er in den tiefen Brunnen fiel, ohne noch einen Ton von sich geben zu können. Im selben Moment, so erzählte man sich später, habe der Dorfspuk aufgehört und alle Gegenstände hätten sich wieder an ihrem angestammten Platz eingefunden.

Der Alte wurde am nächsten Morgen tot in dem Brunnen entdeckt, und als ein Mann hinabstieg, um ihn zu bergen, machte er am Grunde eine schreckliche Entdeckung. Der Brunnen hatte wegen einer langen Trockenheit nur sehr wenig Wasser und der Mann fand außer dem zerschmetterten Körper des Greises ein Skelett am Boden vor. Eine knochige Hand trug noch einen goldenen Ring, der ebenfalls geborgen wurde. Der Ring trug den Namen der verschollen geglaubten Tochter des alten Mannes. Auch sahen die erschreckten Dorfbewohner, dass ein Schriftzug auf dem staubigen Platz zu lesen war, der von einer Spitzhacke zu stammen schien. Für alle sichtbar stand dort: „Im Brunnen liegt die Tochter kalt – grabt auch bei der Schneise im Wald!“ Alle liefen zum Wald und fanden dort tatsächlich eine neue Schneise vor, die in der Nacht von unbekannter Hand geschlagen worden sein musste. Am Ende der Schneise war das Gebüsch kreisrund gerodet. Dort begann man zu graben und fand erneut ein Skelett, neben dem ein kleines Kästchen in der Erde lag. Man öffnete das Kästchen und fand Habseligkeiten der längst verschollen geglaubten Frau des Alten darin.

Der Greis aber hatte seit vielen Jahren den Menschen im Dorf erzählt, dass er von Frau und Tochter schändlich betrogen, beraubt und im Stich gelassen worden sei. So hatte er, der sich selbst nicht mehr helfen konnte, über lange Zeit das Mitgefühl und die Hilfsbereitschaft seiner Nachbarn genossen. Die beiden gefundenen Toten aber wiesen eingeschlagene Schädeldecken auf.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

DER LADEN IN DEN WOLKEN

 

 

Auf der Erde erhält manch guter Mensch nicht den ersehnten Lohn für ein tapfer und standhaft geführtes Leben und viele hoffen, dass sie einstmals nach ihrem Tode in die himmlischen Gefilde gelangen, um dort zu erkennen, warum sie unten im Erdental so viel haben erdulden und erleiden müssen.

Dies dachte auch der treue Bruder Franz, als er an das Himmelstor klopfte und um Einlaß bat. Es stand im ganzen Paradiese außer Frage, dass Franz hierher gehörte, war er doch stets ein Mensch gewesen, der die Natur und all ihre Geschöpfe fleißig erforscht und über die Maßen geliebt hatte. Als er jung und stark wie ein Bär gewesen war, hatte er Bäume im Wald gefällt und Häuser gebaut, ja sogar eine kleine Kirche hatte er mit eigenen Händen errichtet, um Gott zu preisen und um seiner unbändigen Kraft den rechten Ausdruck zu geben. Trotzdem hatte er mit der Zeit all seine Habe und alle Menschen, die ihm nahe standen verloren, sogar Frau und Kind. Erst später war er zum Mönch und Einsiedler geworden und hatte sich freiwillig strenger Askese unterzogen, um die Trauer seiner Seele zu besänftigen und um die leidenschaftlichen Flammen, die ihn noch im Alter erhitzt hatten, abzukühlen. Schließlich war er einem Orden beigetreten und Priester geworden. In einem strengen Winter wurde er von seinem Abt beauftragt, den Familien in den Bergdörfern der Gegend die heiligen Sakramente zu bringen. Bei einer seiner Missionen verschwand der tapfere Franz in einem Schneesturm und wurde erst Tage später von Bergbauern tot aufgefunden.

Nun lebt er leicht, dort in den himmlischen Feldern, in einem Haus über den Wolken. Er sitzt bei der Tür und blickt auf die Spiele von Schatten und Licht. Die Sonnenstrahlen fallen durch ein großes Fenster seines Ladens und an den Wänden erblickt man tausend und abertausend Engelsgestalten mit goldenen Flügeln und rosigen Gesichtern. Dort oben nämlich sitzt der selige Franz und schnitzt und bemalt seine Figuren, und dann und wann, meist um die Weihnachtszeit, schickt er die Putten aus zu den Krippen der Welt, damit sie die frohe Botschaft der Geburt des Jesuskindes verkünden.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AUF DEM TURM

 

 

Auf dem Turm überblicke ich die Stadt. Kein Mensch war jemals hier, außer den Bauleuten, deren Handwerk einen Aufenthalt in schwindelnder Höhe für kurze Zeit ermöglicht. Das Krähenvolk kommt oft über Nacht zu Besuch und lässt sich schon gegen Abend bei dem großen Uhrwerk auf den Ziffern und trägen Zeigern der Turmuhr nieder, um den Tag in der Luft und das Treiben am Boden zu erinnern und den Wind-vorm-Horizont nach dem Morgengrauen zu befragen: „Kraa-kraa, was dämmert’s, Wind-vorm-Horizont?“, oder „ Kraa-kraa, erzähl’ uns von den Krähen des Ostens!“

Nun ist der Wind-vorm-Horizont ein launischer Geselle: An warmen Tagen säuselt er zuweilen fast lautlos vor sich hin oder ignoriert die Fragenden gänzlich. Dann wiederum, vor allem in der kälteren Jahreshälfte, pfeift er den Zorn über seine ständige Botenfunktion mit übertriebener Stärke um das firme Gemäuer und es bleibt nichts Anderes übrig, als ihn eine Zeitlang in seinem Donnerwetter gewähren zu lassen und zu schweigen. An normalen Tagen ist der Wind-vorm-Horizont ein durchaus verlässlicher Übermittler auch der fernsten Begebenheiten, da er in ständigem Austausch mit seinem Bruder, dem Wind-hinterm-Horizont, steht.

Gerade heute sprach er zu den Krähen über ihre Artgenossen auf den Türmen des Ostens, die diskutieren würden, ob das Hinabsehen und das Argwöhnen und Zetern über die Menschen nicht längst eine höchst überflüssige Beschäftigung für die schlauen Krähen geworden sei und ob man sich in naher Zukunft, zumal in Kenntnis all der höheren Zusammenhänge, nicht ganz anderen, sinnvolleren Vogeldingen zuwenden sollte. Demgegenüber, so fuhr der Wind-vorm-Horizont fort, sei die Ansicht vertreten worden, dass man immerhin von den Zweibeinern und ihrer ungeheuerlichen Anhäufung ein ständiges Auskommen auch in weiterer Zukunft werde erwarten dürfen, und dass das gesicherte Auskommen des Krähenvolkes doch unmittelbar mit diesen Stadtbewohnern zusammenhinge. Wieder andere Krähen hätten zu bedenken gegeben, dass die Welt vorzeiten hervorragend ohne Menschen ausgekommen war und dass sich das Menschenproblem bei genauerer Betrachtung bald von selbst erledigen könnte, so wie alle bisherigen Erdenfragen.

Der Wind-vorm-Horizont schloß orakelnd mit den Worten, dass die Krähen und Türme des Ostens zwar näher dem Sonnenaufgang, keineswegs aber näher der Erkenntnis stünden, als die Krähen und Türme in dieser Stadt oder anderswo.

Nun ist der Tag gegangen und der Wind schweigt mit ihm. Die Fledermäuse sind erwacht für ihren nächtlichen Beutezug. Lautlos umkreisen sie den Turm. Sie meiden die Straßen der Menschen und beklagen sich über das immer gewaltsamere Aufhellen und Lärmen der Nacht.

Ich bin nicht vergessen worden. Ich stehe fest und drehe mich nach dem Wind. Mag sein, die Krähen des Ostens haben Recht und wir auf dem Turm brauchen eines Tages nicht mehr hinabzusehen. Die Aufhellung der Nacht jedenfalls scheint auch bei ihnen in Mode gekommen zu sein. 

 

 

ENDE

 

 

DAS MÄDCHEN MIT DEM MUSCHELHORN

 

 

Ein Vater hatte zwei Söhne, die sein ganzer Stolz waren und ihm viel Freude bereiteten. Es kam aber eine große Hungersnot, und er musste den jüngeren Sohn in die Welt hinausschicken, denn das Brot reichte nicht mehr für sie alle aus. Beim Abschied war keine Zeit für Trauer Der Bursche nahm sein Bündel, pfiff sein Liedchen und schritt über die nahen Hügel hinweg, immer der Landstraße nach. Er marschierte Tage und Nächte, bis er zum Rande der großen Stadt kam. Schon von weitem bestaunte er die vielen Türme und Zinnen und die verkupferten und vergoldeten Dächer, so dass all seine alten Gedanken verflogen und er seinen gerade noch müden Schritt mit frischer Kraft beschleunigte. Um die Stadt herum war eine große Mauer gezogen und es führten nur vier Tore an allen vier Enden dieser Mauer in sie hinein. Schon aus der Ferne sah der Bursche viele Menschen mit Wagen und Pferden oder zu Fuß aus und ein gehen. Als er nun das Tor erreichte, versperrte ihm ein starker Wächter in schmiedeeiserner Rüstung den Weg, richtete seine Lanze auf den arglosen Burschen und blickte ihn aus wütend funkelnden Augen an. Der Bursche verlor kein Wort, machte auf dem Absatz kehrt und lief ein ganzes Stück Weges zurück, ohne zu verschnaufen. Dann fielen ihm die anderen drei Tore der Stadt ein, und er sagte zu sich: „Dort werde ich’s versuchen. Was stört mich dieser böse Geselle? Er kann doch nur das eine Tor bewachen.“ Der Bursche ging also zum nächsten Tor, und er staunte nicht schlecht, als ihm erneut der Wächter entgegentrat und mit seiner furchterregenden Waffe drohte. Ungläubig lief der Bursche zum dritten Tor, und ein drittes Mal war dort der Mann mit der Rüstung und dem grimmigen Blick. Auf dem Weg zum vierten Tor der Stadt ärgerte sich der Bursche über sich selber und seine Feigheit, den Wächter nicht einmal um Einlaß gebeten oder sich nach dem Grund dessen Zornes erkundigt zu haben. So nahm er sich vor, beim letzten Versuch alles anders zu machen, doch er staunte nicht schlecht, als er niemand bei dem Tor vorfand, außer einem hübschen Mädchen ,mit langem, zerzausten Haar und lumpigem Kleidchen, das an der mächtigen Mauer unter dem großen Rundbogen saß. Das Mädchen blickte ihn erwartungsvoll lächelnd an, so dass er sie grüßte und sich zu ihre setzte. „Willkommen in der Stadt“, sprach sie, „mein Name ist Arva“. Der Bursche bemerkte, wie sie unter ihrem schmutzigen Kleidchen etwas verbarg. „Was hast du da?“, fragte sie neugierig und Arva zeigte ihm ein weißes Muschelhorn, das kostbar in der Sonne glänzte. „Ich schenke es dir“, sagte sie, „wenn du mir dafür einen Gefallen tust. In dieser Stadt haust ein furchtbarer Ritter mit seiner Streitkraft, und niemand wagt es, sich ihm zu widersetzen. Morgen nun will er die Tochter des alten Königs ehelichen und sich selbst zum Herrscher über Stadt und Land aufschwingen. Im Wald vor der Stadt aber wohnt ein guter Zauberer, der vor langer Zeit dorthin verbannt wurde, weil die Leute ihn mit dem Teufel im Pakte glaubten. Nur ein Fremder könnte ihn auffinden und zur Rückkehr bewegen, um das Unheil über der Stadt doch noch abzuwenden. Es ist unsere einzige Hoffnung“. Das Mädchen streckte ihm das Muschelhorn entgegen. Der Bursche dachte nach und fand eine ganze Reihe von Gründen, nicht auf den merkwürdigen Handel einzugehen. Er war müde und doch froh, gerade durch das letzte Tor unbehelligt in die Stadt gelangt zu sein. Die flehenden Augen des Mädchens bezauberten ihn aber so, dass er einlenkte, und eh’ er sich’s versah, lief er schon wieder zur Stadt hinaus. Als er in den Wald kam und ziellos umherging, verirrte er sich, und es wollte schon dunkel werden. Enttäuscht erreichte er eine große Lichtung, setzte sich auf den Stamm eines umgekippten Baumes und ärgerte sich über seine Torheit, auf die Augen des Mädchens hereingefallen zu sein. Wie er so dasaß, fiel ihm das seltene Muschelhorn wieder ein. Er nahm es aus dem Bündel, um zu ergründen, ob man wohl auf ihm blasen könne. Und wirklich gelang es ihm nach einigem Probieren, einen langen, durchdringenden Ton zu erzeugen, der wie das Horn eines Jägers durch den abendlichen Wald schallte. Fast im gleichen Augenblick kam ein Schwarm von hellen Glühwürmchen auf die Lichtung geflogen und umschwirrte den einsamen Wanderer, der so ein Schauspiel noch nie gesehen hatte. Als aber das Leuchten beendet war, stand dort eine kleine Hütte am Rande der Lichtung. Der Bursche wunderte sich, sie zuvor nicht bemerkt zu haben. Er ging zur Hütte, trat durch die unverschlossene Tür hinein und fand den Zauberer am Tische sitzend vor. Es war ein alter Mann mit langem, weißen Haar. Seine Augen blinkten hell, als er von dem großen Buch aufblickte und den Ankömmling begrüßte: „Eins-tritt zur Türe ein, zwei-wirst ein König sein, drei-die Prinzessin freien, vier-bringst den Alten heim!“ Der Bursche wunderte sich und fragte nach einem Schlafplatz, doch der Zauberer lachte ihn krächzend aus und rief: „Du fragst nach einem Platz zur Nacht? Hast hundert Zelte mitgebracht!“, und er deutete mit seinen langen, dürren Fingern durch das offene Fenster auf die Lichtung hinaus. Der Bursche sah dorthin und wollte seinen Augen nicht trauen: Draußen standen mit einem Male viele Zelte mit Wimpeln auf ihren Dächern. Männer saßen um warme Lagerfeuer, speisten und zechten und lachten laut. Prächtige Pferde standen umher und Haufen metallener Waffen blitzten im Schein der lodernden Feuer. Als der Bursche aus der Hütte trat, bemerkte er, dass er nicht mehr ärmlich gekleidet war, sondern ein hoheitliches Gewand trug. Die Männer liefen zusammen und verneigten sich vor ihm und nannten ihn ihren Prinzen. Am nächsten Morgen zog die Streitkraft in die Stadt, an ihrer Spitze der alte Zauberer und der neue Prinz, der sein Schicksal noch nicht ganz fassen konnte. In einer furchtbaren Schlacht schlugen sie den tyrannischen Ritter und seine wilden Mannen und vertrieben sie für immer aus dem Reich. Der alte König wurde befreit und unter dem Jubel des Volkes wieder auf den Thron gehoben. Der Prinz aber fiel staunend seiner Prinzessin in die Arme und erkannte in ihr das arme Mädchen vom Stadttor wieder. Überglücklich blies er einen hellen Ton auf dem Muschelhorn, das er fortan immer bei sich trug.

 

 

ENDE