KLINGSORS TRAUMBEGLEITER
„Nimm mich mit in den sommerlichen Garten deines Erwachens!“, sprach die Stimme und ließ Klingsor für einen Moment von seinem Bettlager aufschrecken. Seufzend und mit wirrem Haar sank er zurück in die Kissen und flüsterte: „Du bist es, Traumbegleiter...“
Im hohen, alten Zimmer spielte ein leichter Abendwind mit den milchigen, bodenlangen Vorhängen bei der offenen Balkontür. Klingsors Blick schweifte nach draußen, über den mosaikbesetzten Steinfußboden zu den üppigen Kübelpflanzen der Terrasse und dem bläulichen Umriß der Hügelkette in der Ferne. Sommerregen in den Bergen hatte das kleine Rinnsal hinter dem Haus in einen Bach verwandelt, der schon seit Tagen munter zu Tal floß. Entferntes Gelächter scholl in das Zimmer und für einen Moment vermeinte Klingsor das klare Pfeifen eines Pirols unter anderen Vogelstimmen vernommen zu haben. Mit einem Luftzug hauchte schwerer Blütenduft herein und verflog wieder.
Der Traumbegleiter ließ sich lautlos auf den Balkon herab, als Klingsors Lippen sich zu einem Lächeln formten: Wie ein junger Merkur kam er diesmal daher! Klingsor dachte sogleich an das berühmte florentinische Bild vom Frühling und vermeinte, auch die Grazien, den Amor und die Blumengöttin in jedem Moment eintreten sehen zu müssen, so sehr schienen sich plötzlich seine sämtlichen Sinne zu schärfen und zu regenerieren. Dabei war die Erscheinung längst nicht immer so leichtfüßig herbeigeschwebt und hatte sich zuzeiten wie ein Greifvogel im Sturzflug, wie ein aus dunkel funkelnden Augen lauerndes Raubtier mit wölfischer Natur gebärt und den hilflos ans Bett Gefesselten in tiefste Nöte und Verzweiflung gestürzt.
Auf einem flachen Tisch am Boden standen erdfarbene Trinkgefäße und eine Kanne mit goldscheinendem Tee. Der Traumbegleiter trat ein, hockte sich hinzu und winkte Klingsor zur Begrüßung und Aufforderung mit einer Bewegung seiner grazilen Hand. Dieser verstand und erwiderte den Gruß.
„In jenen Tagen“, begann Klingsor nach Augenblicken grüblerischer Stille, „streiften wir durch die südländischen Hügel. Das erste Mal nahmen wir von dem uralt gewachsenen mediterranen Wein; das erste Mal sahen wir die Zeugnisse der verfallenen, rätselhaften Kulturen: Paläste und Amphitheater, Aquädukte und Trutzburgen der Ketzer in schwindelnden Höhen. Das erste Mal, so greifbar nah für uns, ein mildwarmes Meer und atemberaubende Tiefen der Geschichte unterm selben Himmel. Damals meinten wir zu erwachen, im Bergdorf, in den Nächten am Kamin, im Haus unseres Lehrers, der Geduld besaß, bei der Gartenarbeit, beim Brettspiel, beim Wünschelrutenlauf nach verborgenen Wasseradern.. Wir Schüler wurden mitgerissen, von den fiebernden Vorahnungen, vom Gipfelsturmdrang, von haltlosen Rückblicken, vom tausendjährigen Klang. Aus Unreife und Leichtsinn waren wir in die Berge gekommen: So belesen und altklug, so-benommen...
Doch im südlichen Tal, das ich in warmen Sommertagen erkundete, das ich malte und von den nahen Hügeln zärtlich besah, trat eines frühen Morgens ein unheimlicher Gast zu mir und streifte mich mit eisigem Odem: Mächtig und kalt traf mich seine Eingebung, die mir Visionen zeigte, vom Uhrwerk und Gang der erhabenen Gestirne, von Umlaufbahnen der Jahrmillionen, und alle lieben Erdenwesen, die mir so wert und treu, sah ich mit einem Male tot, zu Staub zerfallen, und fand mich selbst als ein erstarrter Mittelpunkt im All, zum bloßen Ausblick und zur Tatenlosigkeit verdammt.
Der endgültigen Abschiede, der Sterblichkeit schmerzhaft bewußt, stieg fassungslose Angst in meiner jugendlichen Brust empor. Die Eingebungen ließen nicht ab und neue Bilder mußte ich schauen, von feurigen Gründen tief unter der Erde, von hohen Nestern, wo Menschen kauerten, die sprungbereit und wilder schienen, als je ein Vogel zu sein vermocht hätte. Doch waren sie nicht flügge. So kehrte ich, als die Sonne stieg, atemlos rennend ins Haus zurück, den Anderen zu berichten. Aber ich schwieg...
In jenen Tagen schrieb sie mir ihre Briefe, einen jeden mit tausend Herzen versehen. Sie, die ich liebte, war Zuhaus und Gedanken an die Rückkehr zu ihr taten auf einmal so weh, als würde ich sie nie wiedersehen können, nie mehr so wie zuvor. In meinem berauschten Empfinden reihte sie sich ein als nur ein flüchtiger Haltepunkt, als Spielerei, wurde sie konturlos und vergänglich für mich, wie eine Speiche im großen Rad des Lebens, und ich hockte, so schien es mir, für kurze Momente auf der Nabe in dessen Zentrum, um all dies sehen zu dürfen..
Wir Schüler kehrten bald heim. Die dunklen Wolken und Geister verflogen schnell und ich hielt meine Liebe wieder im Arm... Doch heute, so viele Jahre nach dem Zug durch das sommerliche Tal: Was mag aus ihnen geworden sein? Nach langer Erziehung, und neuer Begegnung, nachTagwerk und Pflichten... Wer stieß sie hinaus, holte sie zurück? Nun träume ich wieder von den alten Gefährten. Ja, grad letzte Nacht sah ich sie treiben, wie in einem großen, verschlingenden Mahlstrom, von meiner fernen Warte aus, da ich selbst stand, wie ausgespien oder verschluckt, wie fortgeschleudert in eine unheimliche Dämmerwelt...
Was sprichst du von Erwachen, Traumbegleiter? Was bringst du Gast, was sonst, als Wehmut und Nachklang der alten Zither? Was rauscht du in meine tauben Sinne? Ich war schon fast müde, vom Abend, vom fernen Gesang, hatte mein Buch beiseite gelegt...
Der Angesprochene neigte freundlich den dunkel gelockten Jünglingskopf zum Bette hin. Während Klingsor gesprochen hatte, hatte der Traumbegleiter ihn still angeblickt und dann und wann mit den bronzenen Fingern unsichtbare Linien über das Steinmosaik vor sich auf den Boden gezogen. Hell und sanft klang nun die Stimme des Traumbegleiters:
„In jenen Tagen kannte ich dich bereits und war immer um dich. Ich meine nicht die Tage in dem südlichen Gebirgstal, als dein jugendlicher Stolz schon seine Schatten über dich warf, als du erobern mußtest, als du vergangene Zeiten und kommende Taten am Horizont leuchten sahst, als deines Mädchens Liebeszeilen dich betörten und ihr Blut das Deinige betäubte...
Nein. Es waren dies Tage voll kindlichem Glanz, voll sorglosem Sommer, voll Freundesreigen, Spiel und Partisanentum! Dein Haar war hellblond, deine Haut dunkelbraun, von dem Draußen, dem Wind, von dem Lachen und Tun. Sommersprossen zierten dein Gesicht wie geheime Sternenkarten. Deine Kinderaugen spiegelten die Himmelsfarben. Froh begingst du deine Tage. Dein Frühstücksbrot war edel, deine Milch war teuer wie von Stuten. Dein Lächeln verzauberte den Tisch der Eltern zum Altar. Deine kleinen Schuhe zierten die Eingangshalle des Hauses und weihten sie zum Tempel. Du warst ganz du, warst ganz erwacht und tanztest durch die Welt. Man sah dir nach, stand hinter Fenstern, man buhlte um die kleine Hand. Man ging dir nach; auf Wiesen und Feldern brach man dir Blumen, zeigte dir Steine, Wasser und Getier. Mit hellen Augen saßest du in der heiligen Messe, bei der Wandlung, vor der goldenen Monstranz, die der Priester zur Sonne hob: Wie glänztet ihr euch an, zwei Strahlenkränze!“
Du warst der Sinn der Welt, das Licht der Hoffnung, Gebet der Flehenden. Wie warst du ganz Antwort, wie leicht schlug dein vertrauensvolles Herz! In jenen Tagen liebtest du die Menschen als ein Kind. Ich kannte dich, beschirmte dich, besuchte dich dort oft. Als freies Menschenkind erfreutest du so viele, viele mehr, von denen du nicht einmal weißt...“
Ganz dunkel war nun der Raum, nur vom Tisch her schien ein kleines Teelicht herüber. Am Himmel war, durch die offene Terrassentür erkennbar, die Sichel des Neumondes emporgestiegen. Warm war es noch, dachte Klingsor, als sein Besucher mit der erstaunlichen Anrede geendet hatte. Seltsam wohlig war ihm zumute, als wäre er nun, nach so vielen Wochen, wieder fähig dazu, sein Lager zu verlassen, als wäre der Schub der heimtückischen Krankheit mit einem Male abgeebbt, so wie der Abendwind, er eben noch die nun reglosen Vorhänge zum Wallen gebracht hatte.
Leise Musik drang vom Taldorf herauf und vermischte sich mit dem frischen Murmeln des Bergbaches. Da er seinen Besucher nicht mehr bei dem flachen Tisch sah, setzte Klingsor sich ein wenig aufrecht, so wie die Kräfte es erlaubten. Draußen war ein Rascheln hörbar und ein Schatten huschte ganz kurz hinter den Gardinenschleiern. Klingsor lächelte wieder, so wie er es beim Eintreten des Traumbegleiters getan hatte. Hatte er nicht schon in den vergangenen Tagen, wie in einer geheimen Vorfreude, dieses Lächeln im Fieber auf den Lippen gehabt? Hatte er ihn nicht bereits sehnend erwartet, diesen jugendlichen Boten, diesen rätselhaften Prinzen, diesen leichten Engel!?
Schritte näherten sich und das Licht wurde eingeschaltet. Die Pflegerin stand im Türrahmen. Klingsor blinzelte, als sie ihm das Abendbrot brachte und sich nach seinem Wohlbefinden erkundigte. Er wurde gewaschen und dabei kurz auf die Bettkante gehoben. Die Pflegerin war erstaunt, als er darum bat, am morgigen Tag eine Gehübung machen zu dürfen.
Beim Abendessen dachte Klingsor: „Edles Brot, kostbare Milch!“, und er lächelte erneut. Die Pflegerin ging wieder und ließ auf seinen Wunsch hin nur eine Kerze am Nachttisch brennen. Ganz feierlich lag er nun da. Gedankenbilder, Geräusche und Düfte vermischten sich in dem hohen, dämmrigen Zimmer mit Blick auf die üppig bepflanzte, sommerliche Terrasse, auf den Abendstern und die wandernde Sichel des Mondes. So schlummerte Klingsor ein.
Mitten in der Nacht, die Kerze war zum Stumpf heruntergebrannt, erwachte er noch einmal und fand auf dem Bett neben sich ein kleines Büchlein liegen. Im schwachen Lichtschein, im Halbschlaf, vermeinte er zu sehen, daß es Gedichte enthalten müsse. In dieser Nacht träumte Klingsor vom schattigen Orangenhain, mit Venus, der Liebesgöttin, und Merkur, dem Götterboten mit geflügeltem Schuh voll jugendlicher Schönheit darin, ganz so, wie auf Botticellis Gemälde. Er träumte vom nahenden Frühling, von Flora, der blumenstreuenden Göttin und von Zephyr, dem Windgott im Hain, der die Nymphe raubt.
In den folgenden Tagen der Besserung nahm Klingsor oftmals das Büchlein zur Hand, welches ihm sein Traumbegleiter hinterlassen hatte.
Eines Morgens erhob sich Klingsor von seinem Lager und schritt durch die Tür, in das warme Sonnenlicht des neuen Tages und tat einen tiefen Atemzug. Nun war es gewiß!
Er würde wieder streunen und Fährten lesen und Indianer sein, unter freien Himmeln, die Nasenflügeln zu den Wolken emporschwingen.
Er würde zurückkehren zu den Berggipfeln seiner Heimat und zum Meer, das er liebte.
Er würde durchwandern die südlichen Gefilde, die Ölbaumhänge und Zitronengärten.
Er würde sie wiedersehen, Geburtsstätten des Abendlandes, den alten Meistern die Ehrerbietung erweisen: Immer im Blick behaltend die fernen Wiegen der Kulturen, die Zwischenstromländer und Verheißungen der Buddhas und Propheten.
Ja, er würde die Zimbeln erklingen lassen und dann zurückkehren zum Tagwerk. Zum einfachen Mahl würde er sich hinsetzen, seine Schwingen abschnallen und die Hände falten.
Zur Blume würde er sich setzen, zum Schmetterling und zum Wurm gesellen. In Kornfeldern würde er schwimmen, bei Lehnstühlen der Alten verharren, auf Wogen von Jugendträumen treiben. Dort warteten Gebet und Streit, ein Fest von Freunden, die zärtlichen Berührungen einer Frau. Dort wartete Augen, Ohren, Münder und Haut. Zarathustra gleich würde er hinabsteigen und sich tanzend an ihnen berauschen. Vor allem, nahm Klingsor sich vor, wollte er wie ein Kind zu den Menschen gehen!
von Thomas Wolf