IM HERZEN VON SAMSTAGNACHT

(TOM WAITS ELEGIE)

von Thomas Wolf

I

 

Mag sein, an der Straßenecke

Mag sein, heut Abend seh’ ich dich wieder

Vor der kleinen Bar, von meinem Fensterplatz

Drücke grad Senf über ‚nem Essen aus

Und es ist so ’ne Art Fensterplatz

Wie ich ihn immer habe

Check’ die Straße ab, die Neonwerbung und das Zeug

Das Flüstern der Leute draußen

Stadtbusse wachsen und schrumpfen vorbei

Bei der Glocke am Railroad-Cross drüben

Die ratternden Güterzüge des Abends

Dann denk’ ich wieder an Corinna, auf dem Friedhof

Die schneller trank und scheu verschwand

Wie ein Regenbogen, denke ich, wie ein Regenbogen war sie

Dann heulen vertraut die räudigen Straßenköter

Die einzigen am Grab mit mir

Ja, sie verschwand so wie mein Geldschein, denke ich

Und stehe auf der Durchgangsstraße

Gottverlassenes Nest, der mittlere Westen

Kartoffelstaaten und all das

Aus dem Autoäther seufzt ein müder Gott sein Halleluja

Ein paar Dreckpfützen drüben beim Car-Wash

Doch kein Regen seit zwölf Wochen

Der alte Jack döst auf seiner Bank

Voll Feuerwasser, wie ein Indianer im letzten Reservat

Kanister voll welkem Fleisch stinken beim Butcher herum

Und nackte Frauenbeine verlassen den Supermarkt

Amerika geht einkaufen unterm Marshmallowmond

 

 

 

 

II

 

Dies ist ’ne Geschichte von ’nem Ort

Wo sie dich rauswerfen ohne Service, ohne Schuh

Immer ruhig dort, still und verschlafen

Wo nur dein Glimmstengel spricht

Wo du dich wiederfindest vor der einzigen Kneipe

Mit den krummsten Gesichtern und Sprüchen

Wo sie auf deinen Nichtsnutz speien

Wo die Tochter des Bürgermeisters

Ihre prallen Hüften auf dem Tanzboden schwingt

Und der Fiddler seine Augenbrauen dreckig hochzieht

Und am Ende des Abends starrst du ins Bier

Siehst die Zahnstocher neben Pfeffer und Salz

Siehst dein pisswarmes Bier, eiskalte Frauen ringsum

Und du stolperst in die Nacht hinaus

Mit den doppelköpfigen Fremden im gequetschten Hirn

Siehst noch ihre Janushäupter an der Bar

Die ekelhaft feuchte Aussprache des Schankwirts

Mit dem Schmierbauch, dem fettigen Haar

Mit der schmierigen Schürze und der Sklavenfrau

Und du gehst zum Kai hinunter im schweißnassen Hemd

Unter den gelben Wolken dieser kostenlosen Nacht

Denkst an warmes Bier, kalte Frauen

Und an einen Platz für Corinna und dich

Eine Zeit und einen Platz für euch zwei

Wo ihr’s geschafft habt

Und du weißt nicht, wo du schlafen sollst

 

 

 

 

III

 

Hinterm Steuer Samstagnacht

Such ich meine Füße

Hinterm Steuer des Oldsmobils

Roll ich die Straße hinab

Ins Herz der Samstagnacht

Hab mein Geld heute Abend

Seh’ die Lichter, die Frauen

Bin ein Kreuzfahrer des Herzens

Alle anderen Tage vergehen

Heute setz ich auf rot oder schwarz

Bin ein Spieler der Liebesnacht

Die Barmädchen im Augenwinkel

Die lächeln melancholischen Zauber

Und ich träume heut Abend

Stolpere ins Herz der Samstagnacht

Die Telefone klingeln für die Mädchen

Sie verteilen Getränke wie Messwein

Ist das ihre Religion?

Ist das hier all mein Glaube?

Das schweißperlende Sakrament

Die rollenden Hügel, die Betonfelder

Hinterm Steuer sehe ich alles

Bin ein Gott der Samstagnacht

Die Nachhausegeher schmiegen sich

Um den nächsten Block

Der Wind beißt ihre Küsse in meine Wangen

Und ich stolpere

Ins Herz der Samstagnacht

 

 

 

 

IV

 

Das ist’s, was heut Nacht da draußen passiert

Dämmerung kracht mit Spaghettiwolken herab

Und der Lippenstift von gestern

Nur noch eine von zwanzig Farben auf dem Parkplatz

 

Brauch’ dich nicht!
Froh, dass du weg bist!

 

Nun ist es Samstagnacht

Ich lecke noch die Sterne

Die flackern in der Pfütze

So ein wässeriger Spiegel, ich trete hinein

In die zitternden Sterne, ins Mondgewirr

 

Auf dem Hügel recken sich die Antennen hinauf

Der Klang einer Versammlung weht herbei

Nächtliche Wichtigkeiten und Nichtigkeiten im Ohr

Gospelwinde und Trommelrhythmen

Und immerwährende Nachricht vom singenden Draht

The radio is on the air

 

 

 

 

V

 

Verschwendet, verwundet

Kriegsbemalt im Mondlicht

Gott, warum zahl’ ich drauf?

Seh’ ich dich morgen

Borg’ ich mir noch

Ein paar Dollar

Damit ich Mathilda sehen kann?

 

Hier auf der Straße

All die müden Soldaten

Mit gebrochenen Augen

Die den letzten Sold

Für Mathilda geben

Die Hunde kläffen

Und die Taxis warten

Du kniest vor mir heut Nacht

 

Heimliche Gärten

Das Sägewerk orgelt

Und du siehst dir mit mir Mathilda an

Hab’ ich den Engel verloren

Der mich beschützte

Nun, da ich sie küsste?
Geh’ ich zu den Shows nun allein?

 

Will nicht, dass du mich verstehst

Will nicht, dass du mit mir gehst

Wie viele Männer wurden verrückt?

Und wer hält die Soldaten auf

Hunderte tötete sie

Tanzte Walzer, Mathilda

Tanzte Walzer mit ihnen

 

Dieser abgewrackte Koffer

Ein Motel irgendwo

Und die wunde Stelle im Herzen

Die Madonna, Blut und Gier

Doch die Nacht gehört ihr

Gehört den Straßenfegern

Und den Flammenträgern

Die Nacht gehört Mathilda auch

 

 

 

 

VI

 

Das waren die Tage der Rosen

Tage der Gedichte und Rosen

Und alles was du hattest

Das war ich, alles was mein war

Das warst du

 

 

 

 

VII


Eine Zeitlang auf der falschen Straßenseite gegangen

Vorbei an dämmerigen Vorgärten, warmen Glasfenstern

Kirchengeläut, Salz auf meiner Zunge, auf der Muschelhand

Schneide meine Träume zusammen

Spiele wieder Taschenspielertricks

Mit meinen festlichen so fröhlichen Narben

Nachher gehe ich doch nach Haus

Und Packe mit metallenem Ernst das Kriegsbeil aus

Mein Mantel liegt ölig im Flur

Der Kühlschrank zieht sich kleine Neuigkeiten

Durch die Gitternase

Ich sitze im Südwesten meiner Wohnung

Ne Art von Check-up, sehen was noch übrig ist

Jeden Abend im Brennglas, seitenverkehrt

Dann hole ich wieder die Schere aus der Tasche

Um die Katze zu scheren (ein kurzgemähtes Miauen)

Du klingelst an der Tür

Die Finger deiner Hand streichen über mein Gesicht

Perlen tropfen über deine Bluse

Wir schwimmen im Rinnsal, lebendige Fische

 

 

 

 

VIII

 


Draußen an der Ostküste

Wo jeder dir den Rücken zudreht

In harten, herbstlichen Zeiten

War ich müde vom Herumtreiben

Und dachte an ein Zuhaus

Hatte so viele Meilen hinter mir

An jenem Abend kauerte ich an einer Kreuzung

Regnerisch und hungrig

 

Da kamen zwei Lichter die Straße herab

Bremsbacken quietschten

Und ich stieg in den Lastwagen ein

Saß ein großer Mann am Steuer

Die breiten Schultern grinsten, „Big Joe“ sein Name,

Und seine Maschine hieß „Phantom 309“

So dröhnte er mir zu

Ich fragte ihn, warum

Er sagte: „Sohn, die Lichter rollen

Die Türen der Nacht wie weißen  Geschichten...“

Und so ging’s die Landstraße entlang

Über Brandungswellen der Küstenstraße hinweg

Und geheimnisvoll murmelte mir Big Joe seine Weisheit

Wie diamantne Verheißung

Von heißen Tassen Kaffee am Weg

Von Schienen, die uns durch die Welt geleiten

Und er gab mir ’ne Münze

Auf dem Parkplatz der Service-Station stieg ich aus

Schlug die Wagentür und dankte Big-Joe

 

Beim Sandwich in dem kleinen  Restaurant

Fragte man, woher ich sei

Ich sagte, Big-Joe brachte mich hierher

Und tödlich schwieg in dem Moment der Raum

Die Truck-Driver an den Tischen hielten inne

Und der Wirt sprach die Sätze

Die mein Blut gefrieren ließen:

 

„Zehn Jahre zuvor“, sprach er

„Auf einer Kreuzung, zwanzig Meilen von hier

Dort die Straße hinauf

War ein Schulbusunfall, der Bus und ein paar Wagen

Blockierten die Straße, Schulkinder überall

Gott sei Dank niemand verletzt, doch

Big-Joe kam über den Hügel vor der Kreuzung

Schnell herab die abschüssige Straße

Sah im letzten Moment den gelben Bus

All die Kinder

Und er riß das Steuer herum, überschlug sich fürchterlich

Sein Truck, er brannte lichterloh

Das war das Ende der Fahrt für Big-Joe und Phantom 309

 

Doch immer bei Vollmond, sagen sie

Jungs wie diese hier an den Tischen

Auch die Farmer ringsum, viele haben ihn gesehen

Er taucht auf, nimmt irgendeinen Anhalter mit

Und gibt ihm einen Dime, so wie den in deiner Hand

Für einen Kaffee hier in der Station

Und nun, Fremder

Behalte den Dime

Behalte den Dime

Nimm dir heißen Kaffee, soviel du willst

Und denk’ an Big-Joe

Denk’ an Big-Joe und Phantom 309!“

 

 

 

 

IX

 

 

Du flüsterst wieder mit der Trillerpfeife

Auf meiner Schulter fragt das Telefon mich aus

Umkreist meinen Körper, den fliehenden Geist

Machst mich platt, wieder leg ich dich rein

Und du kämpfst immer weiter, parkst direkt vorm Haus

Mit der Einkaufsmusik im Radio

Seh ich dich, steh’ hinterm Vorhang aus Sauerkraut

Und mein Zimmer ist voller Köder

Voll von Angelzeug auch

Wieder schlaf ich im Krachraum, Lichter ringsum

Und dein Kreuzverhör dauert

All die frommen und dreckigen Sprüche halten mich wach

Jedes Erwachen ist ein Kater

Wir tranken Reinigungsmittel heut Nacht

Und der große gelbe Kürbis wächst im Garten vorm Haus

Die maskierten Busse fahren, sie umschlingen Landkarten

Vom Morgenwind zu den Mitternachtslaternen

Alle weinen sie in die Kissen

Die Drahtzieher der Unterwelt

Die Gebrauchtwagenverkäufer auch

Und nach Feierabend fließt klebrige Fabrikflüssigkeit

Aus den Werktoren in die Häuser und Betten

Sind sie alle bei der Traumarbeit

 

 

 

 

X

 

 

Freitag ließ mich

Lungern mit dem Blues

Häng’ hier rum

Ist hart, dich zu verlieren

Die Nachtflecken

Hauen meinen Kopf gegen die Wand

Zwei Gedanken

Der Kopf, er muß wählen

 

Die Bartender kennen mich

Gießen Doppelte ein

Ladies, die ich nur halb sehe

Für liebende Momente

Grausame Frau

Nimm meine Hand

Verlassen wir die Stadt

 

Arm und geschüttelt

Hätte sauber leben sollen

Nun begrab mich, Mädchen

Draußen vor der Stadt

Du, ich bin zu blind

Um die Sonne anzusehen

Hab nur dich, komm

Flüstere, dass ich es bin

 

 

 

 

XI

 

 

Schüttle den Staub von meinem Gewand

Rümpfe und puste die Nase

Rieche an den Späthotelnachrichten

Die mir die guten Männer ins Bett treten

Nun liege ich da

Mit Schuhen und Hemd

Den Geist einer Chance

Der alten Romanze

Im Kopf und Theaterschmerzen

Will die Liebste im Abendkleid herzen

 

Ist ein Filmstar

Unter deinen Augenbrauen

Die gleichen alten Griffe

Auf meiner Gitarre

Ich streiche dein Haar zurück

Du ziehst mich aus

Der Wunschstein zwischen deinen Hügeln

 

 

 

 

XII

 

 

Hey, der Abend knackt heiß unter meinen Füßen

Und die Narben der Gummisohlen

Sieht der Himmel nicht

Und die Nachricht, die du bringst

Tritt und schüttelt diesen alten Mietschuppen

Der tätowierte Grobian döst hinterm Vorhang

Die Hunde hinter Windschutzscheiben

Schauen ihm zum Fenster rein

Seine Hölle, Root-beer und Popcorn

Die weite, donnernde Straße

Und all die in den Städten, halb im Grab

In den Häusern beerdigt

Friedhofskapellen mit weißen Tauben auf dem Dach

Für die eingesperrten Nachbarn

Die Sonne geht auf, Spinnen zittern im Netz

Geldstücke und Wunschlügen liegen wie Skelette umher

Die Träume komme und gehen wild

Verbrennen ihnen den Rücken

Wir sind blutige Zielscheiben für ihre Knarren

Es reißt und rasselt, Halsbänder und Ketten

Die Polizei guckt nicht hin

Wenn die Knochen knacken, die Knarren klicken

Wenn sie das Benzin auf den Hügel kippen

Eine Kellnerin kam nicht heim, heut Nacht

 

 

 

 

XIII

 

 

Doppelt belichtete Fremde an den Tische

Die trinken, sich zu vergessen

Die erzählen bei Zigaretten und Blondinen

Die Kapelle spielt auf

Trinken Mondcolagetränke

Schauen durchs Fenster dabei

Zu den Tankwarten um Mitternacht

Mit herabhängenden Auto-Augen

Brünette Anrufe von Tisch 17

Streichholzgeruch, schwefeliges Zündeln

Sitzen dort mit gemischten Gefühlen

Und gemischten Getränken

 

 

 

 

XIV

 

 

Wieder an meinem Fensterplatz

Ein Geruch nach Pariser Parfüm

Montmartre und Clochards...

Ausgelesene Magazine liegen verstreut umher

Ein dunkler Mondhund huscht über die Haltestelle

Der liebe Gott mit roten, hochhackigen Schuhen!

Wie weihnachtlich beleuchtet die Bürgersteige

Der alte Postmann gähnt im Tankstellenshop

Und ich dämmere müde vor mich hin...

 

Schwangere Frauen irren trunken umher

Schwanger, von den nächtlichen Straßen

Schwanger vom Tanz der Samstagnacht

Drinnen kauern sie mit gefestigten Haaren

Plattenspieler eiern den verrückten Hühnern nach

Tinte oder Blut, fragt die Krankenschwester

Schläge in der Toreinfahrt

Gingen unter im Radiogeräusch der Nacht

Eine blutende Schwarze mit Pömps

Lehnt in der Autotür, rote Flecken auf dem Rücksitz

Der volle Mond so groß wie ihre Augen

In dieser schwarzgeränderten Nacht

Ein strohblonder Held nahm sie kurz

Und lief feige nach Haus

Versteinertes Baby in ihrem Bauch

Armes schwarzes Ding

 

Ich erwache

 

 

 

 

XV

 

 

Autowracks an der Straße

Mit Schulheften der Kindheit darin

Verstaubte Notenschlüssel

Unter fünfzehn Fuß Schnee fand ich

In Säcken verstaut, halb verdaut diese Jahre

Im dampfenden, narkotischen Morgen

Bahnhöfe und Klimmzüge an Bücherregalen

Schüttle den Straßenköter vom linken Hosenbein

Gelbe, regnerische Hupgeräusche

Rufen mich zurück

 

 

 

 

XVI

 

 

Zitronenmond

und die Sterne

Auf uns zwei

Scheint ein Lied

Schmerzhaftes

Gestern flieht

-

 

 

XVII

 

Keiner, der dich liebte

Keiner, der die Liebe hielt

Die falsch verlief

Keiner, der dich liebe

So wie ich es konnte

Weil keiner so stark war

 

Keiner, der dich lieben wird

So wie ich dich lieben werde

Ich, der ich viel Liebe kenne

Viel hatte und

Mein armes Herz verbrate

 

Keiner, der dich so liebt

Wie ich es tue

Weil da keiner so stark ist

 

 

 

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